Gretchen ging zur Base. Jetzt, nachdem Lene so edelmütig gehandelt hatte, war Gretchen wenigstens sicher, daß die alte Frau nicht über sie schelten würde. Im Lehnstuhl saß die Base und heftete gleich bei Gretchens Eintritt verlangende Blicke auf den Kaffeekuchen. Als ihn Gretchen vor sie auf den Tisch stellte, dankte sie zwar nicht eigentlich, aber sie sagte doch: „Das tut wohl, wenn man auch einmal etwas anderes zu sehen bekommt, als das trockene Brot. Mir sucht ja doch der Bäcker immer das schlechteste heraus.“ Gretchen fragte nach dem Befinden der Alten. Da wurde diese redselig und erzählte von ihrem Gichtleiden so lang und ausführlich, daß es für Gretchens Geduld schon viel war, um so mehr, als sie gerne von etwas anderem hören wollte. Endlich machte die Base eine Pause, und Gretchen fiel schnell ein: „Jetzt werden Sie ja bald nicht mehr allein sein; Lene hat mir gesagt, daß Sie zu ihr ziehen.“

„Ich habe keine andere Wahl.“

„Es ist doch recht gut von der Lene, daß sie Sie jetzt ins Haus nimmt, wo sie so viel Arbeit hat mit dem kleinen Kind und wo sie auch das Stübchen gut selber brauchen könnte.“

„Ja, ja, sie weiß schon, was sie tut, die Lene!“ sagte die Alte mit einem hämischen Lächeln. Gretchen wußte sich das nicht zu deuten, fragend sah sie auf die alte Frau. „Wenn sie sich nur nicht verrechnet, die Lene! Es hat schon manches auf eine Erbschaft spekuliert und ist dann zu kurz gekommen.“ Gretchen verstand nicht genau den Sinn dieser Worte, aber sie empfand die gemeine Gesinnung, aus der sie hervorgegangen waren, die häßliche Verdächtigung gegen ihre Lene. Sie sprang vom Stuhl auf. Keinen Augenblick mochte sie mehr hier bleiben, kein Wort mochte sie sagen gegen solche boshafte Anschuldigung, aber Rache mußte sie nehmen, Strafe mußte sein: Mit einem raschen Griff nahm sie den Kaffeekuchen vom Tisch weg und unbarmherzig mit sich zur Türe hinaus, während die Alte stöhnte: „Mein Kuchen, halt, mein Kuchen!“ In größter Erregung sprang Gretchen die vielen Treppen hinunter.

Drunten überlegte sie, ob sie Lene den Kuchen bringen sollte. Aber dann würde diese fragen, warum sie ihn der Base nicht gegeben habe, und um keinen Preis hätte Gretchen ihr die häßlichen Worte wiedersagen mögen, die sie so empört hatten. Sie mußte den Kuchen wohl mit nach Hause nehmen, aber der Mutter würde es nicht recht sein. Sie hatte der Kranken eine Freude machen wollen, nicht eine Enttäuschung bereiten. Bei Gretchen rührte sich schon wieder das gute Herz. Wie lange würde sich die Frau in ihrer Einsamkeit und Langeweile noch um den Kuchen grämen, der schon in ihrem Zimmer war, ja ihr schon gehört hatte! „Mein Kuchen, halt, mein Kuchen!“ tönte es noch in Gretchens Ohr. Unschlüssig stand sie eine Weile am Eingang von Lenes Hof, dann siegte das Erbarmen über den Zorn.

Sie ging noch einmal zu Lene. Die stand in ihrer Küche. Gretchen legte rasch den Kuchen auf den Tisch, kehrte gleich wieder unter die Küchentüre zurück und sagte hastig von der Schwelle aus: „Lene, ich habe der Base den Kuchen weggenommen, weil sie mich geärgert hat; jetzt dauert sie mich aber doch, sei so gut und schicke ihn durch die Buben hinauf. Ich muß heim, so schnell ich kann, und lernen, lernen den ganzen Abend.“ Ehe Lene die Frage tun konnte, die ihr auf den Lippen schwebte: Warum hast du dich über die Bas geärgert? war Gretchen schon draußen im Hof und auf dem Heimweg.

Die Alte hatte von ihrem Fenster aus beobachtet, wie Gretchen mit dem Kuchen zu Lene hinein und ohne Kuchen von Lene herausgekommen war, und vor Neid und Schmerz darüber, daß nun Lene genießen sollte, was eigentlich für sie bestimmt war, weinte sie bitterlich.

Lene hätte gar gerne gewußt, womit die Base Gretchen so erzürnt hatte. Am Abend, als die Kleine schlief, empfahl sie dieselbe der Obhut der Brüder, nahm den Kuchen unter ihre Schürze und trug ihn selbst hinüber. Als die Base Lene erblickte, erschrak sie. Entweder kam Lene, um ihr Vorwürfe zu machen oder um das Versprechen zurückzunehmen, daß sie zu ihr ziehen dürfe. Aber Lene zog unter ihrer Schürze den Kuchen hervor, gab ihn der Base und fragte ganz wie sonst: „Wie geht’s Euch heute?“

Zuerst brachte die Base den Kuchen in Sicherheit, dann sagte sie: „Schlecht geht’s, und was man so in seinen Schmerzen sagt, das darf man einem auch nicht gleich so übel nehmen.“

„Was war’s denn, was habt Ihr gesagt?“