„Ihr wißt’s ja schon; ich habe wohl gesehen, daß das Fräulein zu Euch hineingegangen ist.“
„Dann habt Ihr wohl auch gesehen, daß sie gleich wieder herausgekommen ist. Sie hat mir nicht erzählt, was es gegeben hat. Sagt Ihr mir’s.“
„Was wird’s gegeben haben? Wenn’s was gewesen wäre, so hätte sie’s wohl gesagt; ich weiß von nichts.“
Lene merkte, daß nichts aus der alten Frau herauszubringen war. „Ich muß wieder hinüber zu meiner Kleinen,“ sagte sie, „es ist ein schönes Kind und wird Euch auch gefallen, wenn Ihr es seht. Wenn Ihr Schmerzen habt und allein seid, so denkt halt daran, daß wir Euch herüberholen in vier Wochen, und wenn die Taufe ist, schicke ich Euch auch vom Kuchen und vom Wein.“ Lene reichte der Bas freundlich die Hand, die nahm sie und dabei überkam sie doch etwas wie Reue, und sie sagte: „Ihr seid gut gegen mich, Gott lohn’s Euch.“
Gretchen hatte keine leeren Ausreden gebraucht, als sie zu Lene gesagt hatte, sie müsse eilends heim, um zu lernen. Sie hatte sich mit Ottilie und Elise in den Stoff geteilt, den sie bis zum Schulschluß bewältigen wollten, und da Elise von manchem erklärte, es sei ihr viel zu schwer, und von vielem, es sei nicht wichtig, so mußten die beiden andern die Hauptsache übernehmen. Ottilie war das ganz recht, da gab es für sie wieder eine Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Sie hatte mehr zu lernen übernommen als Gretchen und gedachte im stillen, ohne Verabredung auch noch ein Stück aus dem „Abfall der Niederlande“ zu lernen und mit dieser schwierigen Leistung sich hervorzutun.
Gretchen hingegen wollte Elise ordentlich mit heranziehen, und als sie herausfand, daß diese nicht einmal mit dem Wenigen Ernst machte, das sie zu lernen versprochen hatte, redete sie ihr ins Gewissen. „Elise,“ sagte sie, „du verdirbst die ganze Freude, wenn du dein Teil nicht lernst. Denke nur, wie schlecht sich das machen wird, wenn alle andern so viel können und du gar nichts zu sagen weißt.“
Elise versprach, sich nun auch ernstlich an die Arbeit zu machen. Gretchen war sehr vergnügt darüber und fragte gleich am folgenden Tag, wieviel sie nun gelernt habe? Da stellte es sich heraus, daß Elise doch nicht dazu gekommen war. Jetzt war Gretchen entrüstet. „Wie kann denn das sein, daß man immer nicht zum Lernen kommt? Bei mir zu Hause ist das anders, da kommt man dazu. Komm mit mir heim nach der Schule, dann lernen wir zusammen!“ Elise machte allerlei Einwände, aber Gretchen gab nicht nach, Elise mußte mit ihr kommen, und nachdem sie erst einmal zusammen gelernt hatten, widerstrebte sie nicht mehr; sie kam öfter, und Gretchen hatte eine so rührende Freude an dem, was Elise zustande brachte, daß diese selbst allmählich der Sache nicht mehr so gleichgültig gegenüberstand. Es war Gretchen gelungen, ihr etwas von dem eigenen Eifer einzublasen.
Inzwischen war der Tag herangekommen, auf den die Taufe festgesetzt war. Auf zwei Uhr zum Kaffee, lautete die Einladung, denn später hatte der Hofkutscher Dienst. So saß Gretchen schon beim Mittagessen in ihrem schwarzen Konfirmationskleid dem Vater gegenüber.
„Sie sieht ganz würdig aus,“ sagte Herr Reinwald zu seiner Frau, „man merkt schon von ferne, daß sie Patin werden soll.“
„Weißt du, Vater, daß ich im Wagen abgeholt werde? Herr Bauer hat es angeboten und Lene hat gesagt: ‚Er weiß wohl, was sich schickt.‘ Ist das nicht nett?“