„Freilich; wer klug ist, wählt darum sein Patchen immer unter den Kutscherskindern.“
Kurz darauf saß Gretchen in dem Wagen, der vor dem Haus hielt, grüßte zu Franziska hinauf, die zum Fenster heruntersah, und der Gevatter kutschierte.
Gar sauber und freundlich hatte Lene ihre Stube zur Feier hergerichtet. Ein kleines Tischchen, weiß bedeckt, mit Blumenstöcken geschmückt, war zur Taufhandlung gerichtet, und nun kam auch schon der Kirchendiener und brachte das silberne Becken. Die drei Brüder sahen in ihren besten Gewändern ordentlich aus und waren in gehobener Stimmung. Der große Tisch in der Mitte des Zimmers war als Kaffeetisch gedeckt, und an der ganzen Art war wohl zu bemerken, daß die Hausfrau wußte, was guter Geschmack war. Und nun ging die Türe weit auf und der Hofkutscher Plitt in seiner scharlachroten, mit silbernen Tressen besetzten Livree trat ein, bescheiden hinter ihm seine einfach gekleidete Frau. Ehe sie noch die Anwesenden begrüßt hatten, kam schon Pfarrer Kern. Lene brachte ihren Täufling herein, der ruhig weiter schlief, und alle scharten sich um den kleinen Tisch, an dem der Geistliche stand.
Der Taufrede, die er nun hielt, war wohl anzumerken, daß der Pfarrer schon vorher gewußt hatte, wer anwesend sein würde, denn sie schien auf jedes einzelne Glied der kleinen Versammlung berechnet. Er sprach vom Vater des Kindchens, dem nach schweren Jahren neues Glück erblüht sei, von der Mutter, die schon in fremdem Dienst sich in treuer Fürsorge für die Tochter bewährt habe, die nun als junge Patin dem Kindchen all diese Liebe heimgeben wolle. Er wandte sich an die drei Brüder und sagte ihnen, das Schwesterchen werde ihrem Beispiel folgen; wenn es immer Liebes und Gutes von ihnen sähe, so würde es auch lieb und gut werden.
Nach der Ansprache während des Gebetes legte Lene das Kind in die Arme des Paten. Der schien aber mehr Erfahrung mit Rossen als mit Wickelkindern zu haben; er blickte immer in die Ferne statt auf das Kind und hielt das Köpfchen so abwärts, daß Lene jeden Augenblick fürchtete, es würde aus seinem Kissen herausrutschen. Da nahm sie es bald wieder von den Armen des Paten und übergab es Gretchen; die hielt es liebevoll an sich, während es zum erstenmal mit ihrem Namen genannt und als Christenkindlein getauft wurde. Die Kleine, die bisher so musterhaft geruht hatte, rührte sich nun, und es war gut, daß die Taufhandlung zu Ende war.
Bald darauf saß die kleine Gesellschaft um den Tisch und Lene schenkte den Kaffee ein. Der Pfarrer saß zwischen den zwei Kutschern, ihm gegenüber Gretchen zwischen den Kutscherfrauen, oben und unten die Buben. Der Pfarrer nickte seinem Gegenüber freundlich zu und sagte: „Ich erinnere mich nicht, schon einmal eine so junge Patin bei der Taufe gehabt zu haben, und ebensowenig,“ sagte er, sich an den Hofkutscher wendend, „habe ich jemals einen so schönen, scharlachroten Paten gesehen.“
„Das glaube ich,“ sagte Plitt, „ich habe es auch schlau anstellen müssen, um die Erlaubnis zu erhalten, daß ich meine Livree bei dieser Gelegenheit tragen darf. Es ist für gewöhnlich nicht erlaubt.“
„Das dachte ich mir. Was haben Sie denn für Gründe vorgebracht?“
„Ich habe mir erlaubt, mich gelegentlich einer Ausfahrt direkt an Ihre Majestät die Königin zu wenden. Ich habe gehorsamst vorgebracht, daß doppelte Beziehungen zwischen Ihrer Majestät und der Familie des Täuflings bestehen, nämlich erstens: daß Majestät die Gnade hatte, der Mutter des Kindes, der Frau Lene Bauer, vor einigen Jahren die Medaille für langjährige, treue Dienstzeit zu verleihen. Zweitens habe ich mir gehorsamst erlaubt zu unterbreiten –“
„Laß jetzt deine Sprüch,“ unterbrach ihn Bauer, „und red’ wie unsereins!“