„Was schaut ihr mich so an?“ fragte Lene.
„Sag’s doch,“ drängte der Jüngste den Ältesten, und nun kam stockend Gretchens Auftrag heraus. Lene war es sehr leid, daß sie Gretchens Besuch versäumt hatte, und sie wollte genau wissen, was die Kinder mit Gretchen gesprochen hatten, ob sie auch höflich gegen sie gewesen seien. Aber sie bekam nur sehr spärliche Antworten; die Kinder hüteten sich wohl, zu erzählen, daß ihre Unterredung nicht sehr freundlicher Art gewesen sei. Lene gab sich schließlich zufrieden und dachte, sie müßten doch ganz nett miteinander geplaudert haben, wenn die Rede auf Geschichtenerzählen gekommen sei. Sie versprach, nach dem Abendessen ihre Geschichte zu erzählen, wenn es die Buben auch so halten wollten, wie Gretchen Reinwald: vor dem Essen ihre Aufgaben schreiben und lernen und sich überhören lassen, ob alles gut gehe, und nach dem Essen das Zimmer wieder in Ordnung bringen. Diese Bedingungen wurden angenommen, die Erwartungen waren so hoch gespannt, daß die Wünsche der Mutter alle bereitwilligst erfüllt wurden. Der Vater war heute erst spät zu erwarten, die einfache Mahlzeit war bald vorüber, und alle Hände halfen heute den Tisch abzuräumen, das Geschirr in der Küche abzuwaschen und wieder an seinen Platz zu stellen. Der Jüngste, der kleine Fritz, stand sehr unter dem Eindruck ungewohnter Tugend, und als alle so tätig waren, fragte er die Mutter: „War dein Gretchen noch bräver als so?“ „Nein,“ antwortete Lene, „so war sie und so habe ich die Kinder gern!“
Bald darauf saßen sie alle eng aneinander gedrängt in einer Ecke der Stube, Lene fing an zu erzählen, und die Buben, die wilden, sie waren gezähmt; regungslos saßen sie da und hörten zu. Nie in ihrem Leben hatte ihnen jemand eine Geschichte erzählt, gelesen hatten sie auch nicht viel. So lauschten sie in atemloser Spannung, und Lene, da sie all die Augen auf sich gerichtet sah, machte die Sache noch fesselnder und schauriger als sonst. Zuletzt ging alles gut hinaus, die Bösen wurden bestraft, die Guten belohnt; es war ganz herrlich!
An diesem Abend fühlte sich Lene nicht unglücklich; die Freude, die sie bereitet hatte, war das erste Band zwischen ihr und ihren drei Wilden.
Drittes Kapitel.
Häusliche Geschäfte.
Ein paar große Waschkörbe voll frisch gewaschener Wäsche standen im Zimmer; ein langer Tisch war aufgeschlagen, Gretchen hatte eine große, weiße Hausschürze an und sollte zum erstenmal helfen bei dem Geschäft, die Wäsche einzuspritzen, zu legen und zum Mangeln und Bügeln zuzurichten. Zunächst machte sie ein etwas bedenkliches Gesicht dazu; sie wollte sich zwar gerne nützlich machen im Haus, aber in diesem Gebiet war sie noch ganz unbekannt, und gemeinsam mit Franziska war sie überhaupt noch nie tätig gewesen, sie kam sich fremd vor im eigenen Haus. Frau Reinwald wies ihr den Platz neben sich an, übergab ihr einen Pack Taschentücher und zeigte ihr, wie dieselben gespritzt und gelegt werden sollten. Sie selbst und Franziska nahmen größere Stücke aus den Körben und fingen an, sie auszuziehen und zu legen.
„Sieh zu, wie wir das machen, damit du es ein andermal auch besorgen kannst,“ sagte Frau Reinwald.
Gretchen sah zu; daß es der Mutter flink von der Hand ging, war wohl natürlich, daß aber auch Franziska, die erst neunzehn Jahre alt und kaum größer als Gretchen war, die Sache schon so geschickt angriff, ja, daß sie gleich ein leinenes Tuch von einem baumwollenen unterscheiden konnte, wunderte Gretchen sehr und war ihr nicht einmal ganz recht, denn ihr eigenes Ungeschick kam ihr dadurch nur größer vor. Das Geschäft war kaum recht im Gang, als die Hausglocke ertönte und Besuch zu Frau Reinwald kam. Gretchen war sehr ärgerlich, daß die Mutter abgerufen wurde und sie allein mit dem Mädchen bleiben mußte. So langsam wie möglich legte sie die Taschentücher, denn sie wußte ja nicht, was sie nachher in Angriff nehmen sollte, und sie mochte Franziska nicht fragen. Als endlich, trotz aller Langsamkeit, die Taschentücher doch erledigt waren, griff Gretchen aufs geratewohl in den Waschkorb, nahm das oberste Stück heraus und spritzte es ein.
„Aber Fräulein,“ sagte Franziska lachend, „die Herrenhemden werden doch nicht eingespritzt, die werden doch gestärkt!“ „Ja, das ist wahr,“ sagte Gretchen, legte das Hemd zurück, nahm ein Stück aus einem andern Waschkorb und fing wieder an, einzuspritzen. Diesmal lachte Franziska laut auf. „Aber Fräulein, merken Sie denn nicht, daß das die Servietten sind, die ich gerade erst gespritzt habe? Dort hinten steht der Korb mit den Kissenüberzügen, nehmen Sie doch die!“ Gretchen folgte dem Rat und die beiden verrichteten stillschweigend ihr Geschäft. Mit Lene hatte Gretchen bei solchen Gelegenheiten immer fröhlich geplaudert und dies Schweigen war ihr bedrückend. Aber die Mutter hatte ihr anbefohlen, dem noch fremden Mädchen gegenüber nicht so mitteilsam zu sein, wie sie es bei Lene gewohnt war; so sagte sie nichts und auch Franziska verhielt sich ganz stumm. Im stillen verwünschte Gretchen den Besuch, der die Mutter so zur Unzeit abhielt.
„Wenn sie nur wenigstens kommt, ehe ich die Kissenüberzüge gespritzt habe und sie gelegt werden müssen, denn sonst lege ich sie sicher verkehrt!“ In dieser Sorge zögerte sie ihr Geschäft wieder möglichst lang hinaus, während Franziska um so rascher arbeitete und Stoß um Stoß auf ihrer Seite entstand.