„Wenn wir heute mit all der Wäsche fertig werden sollen, darf man schon tüchtig vorwärts machen,“ sagte sie, und Gretchen konnte die Mahnung auf sich beziehen, denn ihre absichtliche Langsamkeit mußte wohl den Eindruck von Faulheit machen. Franziska fing nun auch an, Kissenziechen zu legen, und Gretchen hätte ihr gerne abgesehen, wie sie das machte, aber vom andern Ende des Tisches konnte sie es nicht so genau beobachten. Da kam eine erwünschte Unterbrechung – es klingelte wieder und das Mädchen mußte hinaus, die Türe zu öffnen. Gretchen zog rasch das von Franziska halbgelegte Stück an sich, um zu sehen, wie es gelegt war; aber sie stieß dabei an die große, mit Wasser gefüllte Schüssel, diese kippte um und leerte sich am Rand des Tisches aus. Schnell schob Gretchen die vom Wasser bedrohten Stöße Wäsche beiseite, sie hatten nur einen kleinen Spritzer bekommen, auch der Tisch war nicht sehr naß, das meiste war hinuntergeflossen. „Das ist noch gnädig abgegangen,“ dachte sie, holte ein Tuch, um zunächst den Tisch wieder trocken zu reiben, den Boden konnte ja dann Franziska aufwischen. Sie ging mit der fast leeren Schüssel hinaus, um sie wieder zu füllen. Mit Befriedigung hörte sie, daß bloß ein Hausierer und nicht etwa ein weiterer Besuch gekommen sei, und bat Franziska, mit dem Putzlumpen hereinzukommen. Diese tat es ohne weitere Bemerkung; aber sie war kaum im Wäschezimmer angekommen, als sie einen großen Lärm anschlug: „Ach du meine Güte, was ist das? Sie haben ja das Wasser in den Waschkorb geschüttet, in dem die Leintücher und Tischtücher sind; ja, haben Sie denn das nicht gesehen?“

„Nein,“ sagte Gretchen, „ich habe gar nicht beachtet, daß das Wasser hinuntergeflossen ist.“

„Ja, es fließt meistens hinunter und selten die Wand hinauf,“ rief Franziska schnippisch. Gretchen bemerkte erst jetzt, daß der Hauptstrom sich in den unter dem Tisch stehenden Korb ergossen hatte. Zunächst kam ihr Franziskas Entsetzen noch übertrieben vor: „Das Unglück wird nicht so groß sein,“ sagte sie, „es war ja reines Wasser und die Leintücher noch nicht eingespritzt.“

„Aber sehen Sie doch nur her; meinen Sie denn, so etwas könne man legen? Es ist ja naß, wie wenn es aus dem Waschzuber käme! Ach du meine Güte, das muß ich alles noch einmal aufhängen, noch einmal ein Waschseil aufspannen! Hätten Sie’s doch gleich aus dem Korb genommen, dann wäre doch nur das oberste naß geworden, aber so ist alles verdorben!“ Und Franziska nahm ein Stück nach dem andern heraus und bei jedem fing sie aufs neue an zu jammern. Gretchen war sehr niedergeschlagen und stand ganz zerknirscht da, als die Mutter, nachdem sich ihr Besuch endlich verabschiedet hatte, wieder erschien. Frau Reinwald sagte nicht viel, prüfte den Schaden, sortierte, was noch zu benützen war und was aufgehängt werden mußte; sie war aber sehr ernst dabei, und Gretchen empfand es als eine wahre Erlösung, als dieser unangenehme Nachmittag überstanden war.

Herr Reinwald hatte mittags von Gretchen erfahren, daß sie an diesem Nachmittage in das Wäschezimmer eingeführt werden sollte, hatte mit ihr darüber gescherzt und ihr neckend Böses prophezeit. Gretchen war es nun schon angst, bis der Vater danach fragen und von ihren Mißerfolgen hören werde. Richtig – sie hatte ihm kaum den Tee eingeschenkt, als er sie auch schon fragte: „Nun, und wie ist’s meiner großen Tochter heute nachmittag gegangen?“ Gretchen errötete und die Mutter sagte: „Nicht besonders gut.“ Aber die erwartete Neckerei blieb aus; der Vater hatte immer ein feines Gefühl dafür, ob eine Sache scherzhaft oder ernst war; so sagte er bloß zu Gretchen: „Denke an den Ausspruch: ‚Aller Anfang ist schwer, am meisten der Anfang der Wirtschaft!‘“ Und dann brachte er das Gespräch auf ein anderes Thema. Gretchen hätte ihm gern einen Kuß gegeben aus Dankbarkeit dafür, daß die nassen Leintücher sich nicht auch noch über den behaglichen Teetisch breiteten.

Herr Reinwald ging nach dem Essen noch aus, um eine Versammlung zu besuchen, und Gretchen hatte die Mutter allein für sich. Es war ein trauliches Abendstündchen. „Mutter,“ begann Gretchen bittend, „gelt, ich muß nicht so bald wieder mit Franziska solche Geschäfte tun, es ist mir unausstehlich.“

„Das habe ich wohl bemerkt, aber ich möchte nicht, daß du den Schwierigkeiten aus dem Weg gehst, siehe lieber, daß du sie überwindest.“

„Wohl, aber daß nichts Gescheites herauskommt, wenn Franziska und ich miteinander arbeiten, hast du ja selbst gesehen.“

„Du wirst nicht jedesmal eine Schüssel umstoßen, du bist ja sonst nicht so ungeschickt, und etwas Lehrgeld müssen wir alle bezahlen.“

„Aber auch vorher, ehe die Schüssel umfiel, war es so ungemütlich!“