„Unsinn, Ottilie, so darf man’s doch nicht machen! Ich will es ja lernen, wenn dir gar so viel daran liegt. Aber dann muß ich jetzt gleich anfangen, denn morgen habe ich noch mit Elise zu repetieren.“
„Ach, laß doch die fallen, die bringt doch nichts zustande.“
„Meinst du? Du wirst staunen über sie und Fräulein von Zimmern wird sich über sie vielleicht am allermeisten freuen.“
Ottilie ging und Gretchen nahm ein wenig grollend ihren Schiller. Sie hatte geglaubt, fertig zu sein, und nun ging das Lernen noch einmal von vornen an!
Am Mittwoch nachmittag, schon bald nach zwei Uhr, versammelten sich die Großen in ihrem Schulzimmer. Fräulein Bertrand, die versprochen hatte, ihnen beim Herrichten zu helfen, fand sich pünktlich ein. Elise hatte die Büsten richtig herbeigeschafft, Blattpflanzen und Efeuranken waren zur Stelle, und nun wußte Fräulein Bertrand auf fünf Tischchen die Sache sehr nett herzurichten und die Mädchen anmutig zu gruppieren. Der große Schultisch war hinausgetragen und für Fräulein von Zimmern ein Sessel so aufgestellt worden, daß sie alle Gruppen im Halbkreis um sich hatte.
Als um drei Uhr die Vorsteherin eintrat, war sie höchst überrascht von dem unerwarteten Anblick. Das Zimmer mit dem vielen Grün, den geschmückten Büsten und den hellgekleideten Mädchen sah ganz verwandelt aus. Fräulein Bertrand forderte die Vorsteherin auf, Platz zu nehmen, stellte ihr die Gruppen vor, und bat sie, den Vertreterinnen der Dichter Gelegenheit zu geben, ihre Meister vorzuführen.
Die Mädchen hatten nicht anders erwartet, als daß Fräulein von Zimmern eine Gruppe nach der andern schulmäßig abfragen würde. Nun war die Reihe an ihnen, überrascht zu werden. Fräulein von Zimmern hatte sich mit Hilfe des Verzeichnisses ihren Plan gemacht. Ihre erste Frage galt der Kindheit Goethes. Nachdem ihr davon berichtet worden war, wandte sie sich an eine andere Gruppe mit der Frage: „Ist euer Dichter auch in so guten äußeren Verhältnissen aufgewachsen?“ und so wußte sie immer die Gruppen zu verbinden, Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten hervorzuheben. Auf diese Weise gewann das, was die Mädchen in den letzten Wochen fast zum Überdruß gehört hatten, wieder neuen Reiz für sie. Fräulein von Zimmern war bei diesem ihrem Lieblingsfach immer im Eifer, heute aber noch viel mehr als sonst, und keinen Augenblick schien sie zu vergessen, daß all dieses Wissen freiwillig ihr zuliebe erworben war. Sie sprach immer wieder ihre Freude aus. Ottiliens Stück aus dem „Abfall der Niederlande“ war die schwierigste Leistung und ging glänzend. Elise hatte schon drei Gedichte fehlerlos hergesagt, worüber Gretchen stolz war wie eine Mutter über ihr Kind. Nun wollte Fräulein von Zimmern das Gedicht hören, in dem Schiller sich über die Dichter ausspricht: Die Teilung der Erde. Ein rascher Blick wurde zwischen Ottilie und Gretchen gewechselt, dann fing diese frisch an zu deklamieren: „Nehmt hin die Welt, rief Zeus.“ Im vierten Vers gab es eine kleine Stockung, aber Gretchen fand sich wieder zurecht. Aber im fünften Vers nach der traurigen Frage des Poeten: „Soll ich denn allein von allen vergessen sein?“ da blieb die Antwort aus. Gretchen wußte nicht weiter. Noch einmal wiederholte sie die Frage, recht kläglich: „Soll ich denn allein von allen vergessen sein?“ Es entstand eine peinliche Pause. Keine der Schülerinnen war so vorsichtig gewesen, ihr Buch mitzubringen, keine konnte nachhelfen.
Da sagte Fräulein von Zimmern freundlich: „Dem armen Poeten können wir im Augenblick nicht helfen; wollen wir einmal hören, was Uhland über die Dichter sagt.“ So kamen wieder andere an die Reihe, der peinliche Eindruck war bald verwischt, alles ging glatt, und Fräulein von Zimmern erklärte am Schluß, daß ihre Erwartungen weit übertroffen seien. Stolz und glücklich verließen die Mädchen ihre Tischchen und überreichten ihre Büsten zur Erinnerung an diesen Nachmittag.
Und Ottilie holte ihr fein gesticktes Deckchen herbei, breitete es zur Überraschung aller, außer Gretchen, über ein Tischchen und bat Fräulein von Zimmern, es als Andenken anzunehmen. Diese schöne Arbeit wurde gebührend bewundert und Ottilie stand auf der Höhe, sie hatte sich heute ausgezeichnet. Dennoch war sie nicht so fröhlicher Stimmung, wie man hätte erwarten können. Sie war überzeugt, Gretchen würde eine Gelegenheit suchen, um Fräulein von Zimmern zu sagen, wer eigentlich schuld war an dem schlecht gelernten Gedicht. So beobachtete sie mit Mißtrauen Gretchen, so oft sich diese Fräulein von Zimmern näherte. Aber Gretchen hatte ihr Mißgeschick schon verschmerzt, Fräulein von Zimmern war ja sichtlich zufrieden, ja mehr als das, somit war ja die Sache aufs schönste gelungen.
Fräulein von Zimmern hatte mit jeder der Schülerinnen besonders gesprochen, und nun erbat sie sich einen Augenblick Stille, da sie etwas mitzuteilen habe. Die Mädchen horchten. „Ich denke mir,“ sprach die Vorsteherin, „daß es euch allen heiß geworden ist bei diesen Leistungen und ich möchte euch alle zu einer kleinen Erfrischung in mein Zimmer laden. Wollt ihr, nachdem ihr hier ein wenig Ordnung gemacht habt, zu mir herunterkommen?“ Freudig und einstimmig wurde die unerwartete Einladung angenommen.