Fräulein von Zimmern verließ die Klasse, die Mädchen machten sich eilig daran, aufzuräumen.
Nach einer halben Stunde saß die ganze junge Gesellschaft in gehobener Stimmung um einen Tisch, auf dem eine stattliche Torte stand. Fräulein von Zimmern füllte kleine Kelchgläser mit köstlichem Himbeersaft und reichte sie den Mädchen herum, denen es ganz merkwürdig vorkam, von der Vorsteherin bedient zu werden. Ja, die Schulzeit ging stark zur Neige, deutlich kam es jetzt den Schülerinnen zum Bewußtsein. Fräulein von Zimmern ließ die fünf Dichter und ihre wackeren Vertreterinnen leben, und das Gespräch wurde bald lebhaft; die Mädchen erzählten, wie der Pfarrer sie auf diesen Plan gebracht hatte, und auch die kleine Täuschung mit den französischen Spielen wurde eingestanden.
„Wie ist’s wohl gekommen, daß dich heute dein sonst so treues Gedächtnis im Stich gelassen hat?“ Mit diesen Worten wandte sich Fräulein von Zimmern an Gretchen. Ottilie wurde dunkelrot – nun mußte die Aufklärung kommen und sie blamiert dastehen. Gretchens Art war es nicht, eine Frage ausweichend zu beantworten, auch war sie der Meinung, daß jetzt, nachdem die ganze Überraschung so schön gelungen war, alles Vorhergegangene offen erzählt werden könne. Schon hatte sie das Wort auf der Zunge, als sie dem ängstlichen Blick Ottiliens begegnete, der ihr klar machte, was diese fürchtete. Einen Augenblick besann sie sich, dann antwortete sie gutmütig: „Ich habe das Gedicht erst vorgestern angefangen zu lernen, und das war zu spät. Es ist mir recht leid, daß ich unsern Schiller so schlecht vertreten habe!“ Nach dieser Antwort entstand eine kleine Stille, Gretchen wußte nicht recht warum. Hermine und die meisten der Mädchen blickten erwartungsvoll auf Ottilie, aber diese schwieg. „Ich weiß übrigens jetzt die Antwort für den armen Poeten,“ fuhr Gretchen fort, „darf ich den Schluß noch hersagen?“
Sie hatte kaum die letzten Worte des Gedichtes gesprochen, als Ottilie anfing, von der Handarbeitsausstellung zu sprechen. Ihr lag es daran, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, und es gelang ihr.
„Wenn ich nur in dieser Woche noch die zweite Nachtjacke fertig brächte,“ sagte Gretchen, „damit ich bei der Ausstellung meine erste damit bedecken könnte, denn die sieht oben schrecklich aus; bei meiner zweiten hingegen ist das obere Knopfloch so wunderbar schön geraten; wenn Sie es sehen, Fräulein von Zimmern, werden Sie kaum glauben, daß ich es gemacht habe, es könnte wirklich von Ottilie sein.“ Ottilie sah nachdenklich auf Gretchen. Wie konnte diese so neidlos anderer Leute Vorzüge anerkennen!
Sehr befriedigt von diesem Nachmittag verabschiedeten sich die Mädchen von der Vorsteherin. Jeder einzelnen sprach sie noch einmal Dank oder Freude aus. Als Elise sich mit ihrem gewohnten, gleichgültigen Gruß entfernen wollte, faßte Fräulein von Zimmern sie bei der Hand und sagte: „Es ist mir ja ganz leid, daß ich dich gerade jetzt als Schülerin verlieren soll, wo du so fleißig gelernt hast. Richte deinen Eltern aus, daß du dich heute mit Lorbeeren bedeckt habest.“ Elise erwiderte ganz ruhig: „Gretchen Reinwald hat mit mir gelernt, sonst hätte ich wieder nichts gekonnt.“ Gretchen hatte davon nichts gehört, als sie aber die Hand zum Abschied reichte, sagte Fräulein von Zimmern leise zu ihr: „Laß dich’s nicht bekümmern, daß du ein Gedicht nicht gekonnt hast, du weißt ja: gut sein ist mir immer wichtiger, als gut können!“ Diese freundlichen Worte machten, daß diejenige, deren Leistung am wenigsten gelungen war, fröhlichen Herzens ihre Straße zog, während die, welche sich vor allen ausgezeichnet hatte, bedrückt und verstimmt nach Hause ging in dem Gefühl, nicht ehrenhaft gehandelt zu haben.
Dieser Tag sollte für Gretchen besonders schön ausklingen, denn am Nachmittag war der Forstrat dagewesen, und Frau Reinwald hatte alles mit ihm besprochen, so daß der schöne Plan der Ferienreise mit Ruth gleich am ersten Vakanztag zur Ausführung kommen konnte. Der Arzt hatte auch Ruths Mutter zu einer Reise überredet, sie wollte in einer Nervenheilanstalt Genesung suchen, während ihr Töchterchen in fröhlicher Umgebung zu kräftigerem Leben erstarken sollte.
Ja, das war eine beglückende Aussicht für Gretchen, aber wie ein Berg lag noch dazwischen die unvollendete Handarbeit, die Ausstellung in der Schule!
Am Freitag Nachmittag war die letzte Arbeitsstunde, da wollte Gretchen fertig werden um jeden Preis. Von Montag bis Mittwoch wollte Fräulein Weber die Arbeiten unten im großen Zeichensaal ausstellen. Die meisten Schülerinnen hatten ihre Arbeiten schon abgeliefert, hübsch mit roten Bändchen gebunden lagen sie bereit. Gretchen arbeitete, daß ihr die Wangen glühten, sie nahm sich in ihrem Eifer nicht einmal die Zeit, Fräulein Weber ihre Arbeit zu zeigen, als sie den zweiten Ärmel einnähen wollte. Nur vorwärts, vorwärts! Und nun war die Stunde aus, aber auch der Ärmel war eingenäht. „Fertig!“ jubelte Gretchen und hob triumphierend ihre Nachtjacke in die Höhe. Sie strich mit der Hand darüber hin, der Ärmel wollte sich nicht recht hinunterlegen. „Was hat er denn?“ rief Gretchen, „warum starrt er so kurios hinaus!“ Mit mißtrauischen Blicken besah sie ihr Werk.
Fräulein Weber warf nur einen Blick darauf und rief aus: „Aber Gretchen, was ist das wieder! Der Ärmel ist ja verkehrt hineingesetzt, die obere Seite sitzt unten! Hättest du es mir doch vorher gezeigt.“ Die allgemeine Teilnahme wandte sich nun Gretchen zu. „O Fräulein Weber,“ bat Hermine, „lassen Sie doch Gretchen die Arbeit mit heimnehmen und zu Hause fertig machen, es ist ja die allerletzte Arbeitsstunde!“