„Das kann ich nicht erlauben, es ist ganz gegen die Regel; die beiden andern, die auch nicht fertig sind, würden dann dasselbe Recht beanspruchen. Das siehst du selbst ein, Gretchen, nicht wahr?“ Diese nickte nur und packte ganz ergeben ihre Arbeit zusammen. Wehmütig sah sie noch einmal auf das Knopfloch, das so schön geraten war, und zeigte es den teilnehmenden Freundinnen, die ihr die Bewunderung nicht versagten.

Daheim erzählte Gretchen den Eltern ihr Mißgeschick. „Ich habe eben immer Unglück mit der Handarbeit,“ schloß sie.

„So, das nennt man Unglück?“ sagte Herr Reinwald, „das werde ich mir merken. Wenn ich den nächsten Erlaß für die Regierung ausarbeite, werde ich mir’s leicht machen. Fällt er dann so verkehrt aus wie dein Ärmel, so sage ich zum Herrn Regierungspräsidenten: ‚Ich habe eben immer Unglück mit den Erlassen.‘ Dann wird mich der Herr Präsident ganz lieb trösten, denn mit dem Unglücklichen soll man doch Mitleid haben.“

Gretchen lachte: „Ach Vater, das ist doch etwas anderes!“

„Jedenfalls ist’s recht bequem,“ entgegnete Herr Reinwald, „wenn man sein Ungeschick Unglück nennt. Man schiebt damit ganz sachte die Schuld von sich weg auf ein Verhängnis.“ „Du hättest Fräulein Weber deine Arbeit rechtzeitig zeigen sollen,“ sagte Frau Reinwald, „übrigens ein wenig Unglück ist doch dabei,“ bemerkte sie lächelnd zu ihrem Mann, „sie hätte ja auch zufällig die richtige Seite des Ärmels erwischen können.“ „Mag sein, daß ein Unterschied zwischen einem Ärmel und einem Regierungserlaß besteht,“ gab Herr Reinwald zu.

Während sich Gretchen im Geist mit ihrer unglückseligen Nachtjacke beschäftigte, ging mit dieser eine Verwandlung vor. Gretchen war gleich nach der Arbeitsstunde heimgegangen, Ottilie hingegen hatte gezögert, und ohne daß es bemerkt wurde, war sie in der Schule zurückgeblieben. Es war vier Uhr. Sie wartete, bis alle Klassen leer waren, und beobachtete von der Treppe aus, daß sich Fräulein von Zimmern in den Zeichensaal begab, wo schon die Tische gestellt waren, auf denen am nächsten Tag die Arbeiten hingerichtet werden sollten. Erstaunt sah Fräulein von Zimmern auf, als nun Ottilie zu ihr trat. „Fräulein von Zimmern,“ sagte sie, „Gretchen Reinwald ist nicht fertig geworden mit ihrer Arbeit.“

„Ich weiß es, Fräulein Weber hat es mir erzählt.“

„Ich würde sie gerne fertig machen,“ sagte Ottilie in sichtlicher Verlegenheit. Es war ihr etwas ganz Ungewohntes, eine Gefälligkeit anzubieten, sie fühlte, daß es Fräulein von Zimmern auffallen mußte.

„Warum möchtest du das?“ fragte Fräulein von Zimmern und sah Ottilie scharf an. „Weil ich ihr auch einmal gern einen Gefallen tun würde,“ war die leise Antwort.

„Das ist schön von dir, Ottilie, aber du weißt, daß es gegen meine Grundsätze ist; sie kann das nicht als ihre Arbeit ausstellen, was sie nicht ganz und gar selbst gemacht hat!“