„Wenn die Nachtjacke gelegt ist, sieht man ja nur die Vorderseite, die Gretchen ganz allein gearbeitet hat.“ Fräulein von Zimmern überlegte: „Es ist mir leid, es kann nicht sein.“ Ottilie schwieg. Sie kämpfte einen harten Kampf mit ihrem Hochmut; endlich sagte sie bittend: „O, Fräulein von Zimmern, machen Sie heute eine Ausnahme! Ich bin so in Gretchens Schuld, eigentlich schon so lange wir in die Schule gehen. Sie war bis zuletzt so gut gegen mich, erst neulich wieder bei unserer Literaturstunde. Wir kommen außer der Schule nicht zusammen; wenn ich jetzt nicht noch gut machen kann, was ich versäumt habe, dann kann ich’s vielleicht im ganzen Leben nimmer!“

Dies demütige Bekenntnis des sonst so hochmütigen Mädchens besiegte Fräulein von Zimmerns Bedenken. „Geh, mein Kind,“ sagte sie, „und tue das, wozu dich dein Gewissen treibt.“ Ottilie ging durch das stille Schulhaus hinauf bis in den obersten Stock, wo die Kammer lag, in der die Arbeiten aufbewahrt wurden. Die jüngsten Schulkinder hatten ihre Strickkörbchen auf dem untersten Fach des großen Ständers, der die ganze Wand der Kammer einnahm. Auch Ottiliens Körbchen war einst ganz unten gestanden und war im Lauf der Jahre hinaufgerückt bis in das oberste Fach, das die Kleinen nicht mit ihren Händchen erreichen konnten. Als Ottilie so allein in dem stillen Raum war, kam eine weiche Stimmung über sie. War sie wohl zum letztenmal in ihrem Leben hier?

Sie nahm Gretchens Arbeitskorb mit hinüber in das Schulzimmer und setzte sich an den grünen Tisch. Es galt nun zuerst wieder aufzutrennen, was Gretchen eben erst mit so viel Mühe gemacht hatte. Während sie einsam dasaß, Stich auf Stich auftrennend, blickte sie zurück auf die verflossenen Schuljahre. Ihr hatten sie viel Aufregung gebracht. Das ehrgeizige Streben, die Mißgunst gegen die andern, die Feindseligkeiten, die sie sich durch ihr spöttisches Wesen zugezogen hatte, dies alles hatte sie zu keiner rechten Ruhe kommen lassen. Und nun dachte sie an die, deren verunglücktes Werk sie in Händen hielt. Sie konnte sich Gretchen nicht anders vorstellen, als fröhlich und friedlich, liebevoll und geliebt, allezeit glücklich trotz manchen Mißgeschicks. Woher kam der große Unterschied?

Fräulein von Zimmern trat ein, um sich nach der einsamen Näherin umzusehen. „Kommst du zurecht?“ fragte sie. „Ja,“ sagte Ottilie, „ich bin noch am Trennen, das geht langsam, aber es geht doch.“ „Wenn wir alles so leicht wieder rückgängig machen könnten, wie eine verkehrte Näherei, so wäre es gut, nicht wahr, Ottilie?“ sagte Fräulein von Zimmern und legte ihr freundlich die Hand auf die Schultern. Ottilie senkte den Kopf und sagte: „Ich wollte, ich könnte gerade noch einmal von vornen anfangen, mit dem Strickkörbchen im untersten Fach des Ständers!“ „Wenn du das sagst, Ottilie, so hast du schon von vorn angefangen, vom untersten Grund des Herzens aus. Und wenn dich die Schuljahre nur so weit gebracht haben, daß du dich selbst erkennst und nach dem Guten strebst, dann sind sie nicht umsonst gewesen.“

Fräulein von Zimmern ging und ließ Ottilie allein. Es war eine gesegnete Stunde, die das junge Mädchen bei ihrem Liebeswerk zubrachte.

Nun war die Arbeit vollendet, Ottilie legte das Nachtjäckchen hübsch zusammen und brachte es hinunter in den Zeichensaal, wo sie es der Vorsteherin übergab. „Nun wollen wir es so einrichten,“ sagte diese, „daß Gretchen erst in der Ausstellung ihr schönes Werk entdeckt. Vorerst soll sie der Meinung bleiben, daß nur ihre unschöne Jacke aufliege.“ „O ja,“ rief Ottilie, „sie wird dann recht überrascht sein, wenn sie die beiden auf ihrem Platz entdeckt. Niemand kann so strahlen, wie sie, wenn sie sich freut.“

Fräulein von Zimmern sah Ottilie freundlich an. „Jetzt sehe ich auch an dir etwas von diesem Strahlen, das aus einem liebevollen, guten Herzen kommt. Gott behüte dich, Ottilie, und helfe dir weiter.“

* * *

Von Montag an stand zu erwarten, daß die Ausstellung fleißig besucht würde, und so erhielten je vier und vier der Schülerinnen den Auftrag, stundenweise anwesend zu sein, um die Besucher zu empfangen und auf etwaige Fragen Antwort zu geben. Die ersten vier unter den Großen hatten den Anfang zu machen, um zwei Uhr sollten sie sich einfinden.

Gretchen freute sich nicht darauf. „Ich wollte, ich müßte nicht hin,“ sagte sie zu ihrer Mutter, „ich muß mich doch nur schämen wegen meiner Arbeit.“