„Sie wird vielleicht von niemand genau betrachtet,“ tröstete Frau Reinwald. „Das wäre gut, Mutter, aber da kommt z. B. alle Jahre Fräulein Schütze. Auf ihr Urteil gibt Fräulein Weber und auch Fräulein von Zimmern am allermeisten. Sie wird immer besonders eingeladen. Sie sieht die Sachen so genau an, daß ihr nicht das Kleinste entgeht und wenn sie gleich ihr Lob und ihren Tadel mit sanfter Stimme ausspricht, so hören doch alle darauf.“
„Kennt sie dich denn?“
„Sie hat mich schon öfter ermahnt und weiß längst, daß ich nicht viel Schönes zustande bringe, aber so gering wie dieses Jahr hat meine Arbeit in den letzten Jahren nie ausgesehen.“
Als Gretchen in den Saal kam, auf dessen langen Tischen die Arbeiten aller Klassen ausgestellt lagen, waren Hermine, Ottilie und Elsbeth schon anwesend, und sie gesellte sich zu ihnen. Fräulein Weber legte noch da und dort ordnende Hand an, Fräulein von Zimmern ging mit prüfendem Blick den Tisch entlang. Allmählich kamen einige Damen, Mütter und Schwestern der Schülerinnen, sie fragten bald nach dieser, bald nach jener Klasse oder Arbeit, und die Mädchen waren als Führerinnen beschäftigt.
Und nun erschien Fräulein Schütze.
Sie wurde von Fräulein von Zimmern achtungsvoll begrüßt und von Fräulein Weber selbst geleitet. Ja, Gretchen hatte recht gesagt, sie prüfte mit einer Genauigkeit, daß ihr kein Mangel entging, aber sie wußte auch gute Leistungen zu schätzen und hervorzuheben. Mit Unbehagen sah Gretchen die gefürchtete Kritik ihrer Arbeit nahen. Sie stand gegenüber von Fräulein Schütze als Begleiterin einer andern Dame. Jetzt hörte sie halblaut ihren eigenen Namen, Fräulein Schütze las ihn ab von dem Zettelchen, das auf der Nachtjacke angebracht war. Gretchen traute ihren Ohren nicht, als sie nun Fräulein Schütze sagen hörte: „Das ist sehr sorgfältig gearbeitet, das Knopfloch fadengerade und rein. Ich hätte nicht gedacht, Fräulein Weber, daß Sie es bei dieser Schülerin so weit bringen würden. Ist sie wohl hier? Ich denke, es wird sie nicht eitel machen, wenn ich ihr einmal Lob spende, nachdem ich manches Jahr zu meinem eigenen Bedauern Ungünstiges über ihr Werk sagen mußte.“ „Da steht sie eben,“ sprach Fräulein Weber lächelnd, und deutete über den Tisch hinüber auf Gretchen, die mit offenen Augen und Ohren bei dieser Unterhaltung war. „Ach ja, da ist sie,“ sagte Fräulein Schütze, „wie groß sie geworden ist. So ist’s recht, liebes Gretchen, machen Sie mit Gottes Hilfe so weiter.“
Gretchen aber sah sich nach Fräulein von Zimmern um. Diese stand oben an der langen Tafel. „Entschuldigen Sie,“ sagte Gretchen zu der Dame, die sie geleiten sollte, „ich komme gleich wieder;“ und eiligst schlüpfte sie hinter den Besuchern weg. „Fräulein von Zimmern,“ sagte sie halblaut, „ich weiß gar nicht, wie das zugeht, meine schöne Nachtjacke ist jetzt doch ausgestellt, obwohl der Ärmel verkehrt darin ist. Fräulein Schütze hat sie so gelobt, ich kann nichts dafür.“ Da lächelte Fräulein von Zimmern und sagte: „Du träumst wohl, die Ärmel sind ganz richtig hineingenäht.“ Gretchen schüttelte energisch den Kopf: „Von mir aber nicht.“
„Das behaupte ich auch nicht, vielleicht von einer guten Freundin.“
„Von Hermine?“
„Nein, von der, die dort an deinem Platz steht, um zu hören, wie deine Arbeit gelobt wird, und die jetzt so vergnügt zu uns herübersieht.“