Gretchen blickte hinüber. Hinter Fräulein Schütze stand Ottilie und schaute gespannt auf Fräulein von Zimmern und Gretchen. Im Nu war diese bei ihr; sie hätte unbekümmert um alle Anwesenden Ottilie umarmt oder sie vor Vergnügen und Dankbarkeit im Zimmer herumgewirbelt. Aber Ottilie war auf ihrer Hut. Sie wollte nicht, daß die Sache hier vor Fremden zur Sprache kam. Indem sie Gretchen den Finger auf den Mund legte, sagte sie leise: „Schweig still!“ Aber ein Geflüster gab es doch noch zwischen den beiden, denn Gretchen wollte wissen, wie das zugegangen war. Sie war sehr glücklich über diese Wendung der Dinge, am meisten aber über den unverhofften Freundschaftsbeweis einer Schulkamerädin, die durch so viele Jahre hindurch gleichgültig, ja beinahe feindselig neben ihr hergegangen war.
Die Ausstellungstage waren vorüber, zum letztenmal hatte die Oberklasse drei Stunden an dem grünen Tisch zugebracht. Pfarrer Kern hatte zum Schluß noch einmal Stunde gegeben und warme Worte zu seinen Schülerinnen gesprochen. Jetzt verabschiedeten sie sich alle von ihm, von den andern Lehrern und Fräulein von Zimmern. Bepackt mit vielen Büchern und Heften überschritten sie zum letztenmal als Schülerinnen die Schwelle des Schulhauses, mit Wehmut und Freude zugleich. Die Schule lag hinter ihnen, das Leben, zu dem sie nun ausgerüstet waren, lag vor ihnen.
Unter der Türe ihres Zimmers stand die Vorsteherin mit dem Pfarrer. Sie hatten den Abziehenden nachgesehen, jetzt war die letzte verschwunden. „Gott behüte die junge Schar,“ sagte der Pfarrer. Fräulein von Zimmern schien bewegt. „Ich habe noch nie eine Klasse gehabt,“ sagte sie, „in der, so wie in dieser, fast alle Schülerinnen vom ersten bis zum letzten Schuljahr bei mir waren.“ „Und eben deshalb auch keine,“ fügte der Pfarrer bei, „in der sich so, wie in dieser, gezeigt hat, daß sie nicht nur Kenntnisse gesammelt haben, sondern auch im Charakter gebildet worden sind.“
„Die meisten Eltern ahnen gar nichts von diesem Besten, das wir an ihren Kindern leisten; die Charakterbildung steht nicht auf dem Stundenplan, sie entzieht sich der Beobachtung.“
„Ja,“ bestätigte der Pfarrer, „die Eltern verlangen sie gar nicht von uns, sie fordern nur Kenntnisse. Und doch gewährt ein gefestigter Charakter mehr Bürgschaft für wirkliches Glück, auch im irdischen Leben, als alles Wissen und natürliche Begabung.“
Der Pfarrer war mit Fräulein von Zimmern in ihr kleines Stübchen getreten. Auf dem Tisch lag ein großes Buch aufgeschlagen, es zeigte eine leere Seite. Mit einem Seufzer deutete Fräulein von Zimmern darauf: „Hier liegt schon das Buch bereit zur Einzeichnung der Schülerinnen, die sich fürs erste Schuljahr anmelden werden.“ Und der Pfarrer beantwortete den Seufzer, indem er sagte: „Fangen Sie getrost wieder mit den Neuen Ihre schwere Arbeit an, es liegt Gottes Segen darauf.“
* * *
Der Vorabend von Gretchens Reise ins Gebirg war gekommen. Etwas verspätet erschien sie beim Essen, Vater und Mutter saßen schon bei Tisch. „Ich habe noch Abschiedsbesuche gemacht,“ sagte sie entschuldigend, „sonst käme ich nicht so spät. Ich mußte doch noch nach Gretchen sehen.“
„Gretchen?“ fragte Herr Reinwald. „Was ist denn das für eine neue Freundin?“ „Aber Vater,“ entgegnete Gretchen vorwurfsvoll, „mein Patchen!“ „Ach so, entschuldige nur, daß ich diese wichtige Persönlichkeit einen Augenblick vergessen konnte! Übrigens möchte ich doch einen Vorschlag machen. Wenn man einmal soweit ist, daß man sich eines Patchens rühmen kann und auf ein anderes Menschenkind seinen Namen übertragen hat, dann sollte man sich nicht mehr ‚Gretchen‘ nennen lassen, sondern Margarete. Oder willst du immer so ein Miniaturmensch bleiben, ewig ein Menschchen, nie ein ganzer, voller Mensch?“
„Nein, nein,“ rief Gretchen eifrig, „ein ganzer Mensch möchte ich werden.“ – „Was meinst du?“ fragten fast gleichzeitig Vater und Tochter die Mutter. „Ich meine, wenn du nun von dieser Reise zurückkommst, so wäre das gerade der richtige Lebensabschnitt, und bis dahin könnte ich mich an den Gedanken gewöhnen, daß mein Gretchen der Vergangenheit angehören soll.“