„Es ist gut,“ sagte der Offizier und ließ seinen kleinen Kameraden frei. Dann erklärte er den Leuten in freundlichem Ton, daß er gekommen sei, bei ihnen Lebensmittel einzukaufen für die Soldaten. Sie sollten nun alle aus ihren Häusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemüsen, Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren könnten und sollten es an den Wagen bringen. Es würde alles gut bezahlt werden, was sie freiwillig brächten; nur wer nichts brächte, dem würden seine Leute nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodaß sie die ersten waren, die einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie „sein“ Offizier alles bar zahlte. Allmählich kamen aus allen Häusern die Frauen mit Vorräten und füllten den Wagen. Auch aus dem Haus des Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mußten. Er aber wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: „Noch mehr, bringe noch dies und das!“ Die leerte Küche und Speisekammer, aber ihr allein wurde nichts bezahlt.—Der Wagen war voll. In aller Freundschaft verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen hatten, von den Leuten.
Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte ihnen noch während sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Büchse besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von diesen noch einmal in das Haus zurück, suchten, machten da und dort eine Türe auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.
„Hier,“ riefen sie, „hieher bringt ihn!“ Der Bucklige wurde hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer Getreidekammer ohne Fenster. „Hier nehmen Sie Platz,“ sagte der Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glücklich, daß er nicht, wie gefürchtet, fortgeführt wurde. Die Kammertüre hatte ein großes, schweres Schloß, der Offizier schloß zu und schob den Schlüssel ein. „So, Pierre,“ sagte er, „du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und dann darfst du den Schlüssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder befreien!“
Da lachte Pierre laut auf vor Vergnügen, denn er hatte einen Grimm auf den Buckligen wegen der Pistole.
Fröhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den Proviantwagen, hatten ihren Spaß mit ihm, und fragten sich: wie es wohl ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wäre? Und die von oben sahen dem Zug nach und dachten: Wer weiß, ob wir nicht alle dem Kleinen unser Leben verdanken?
In Gefangenschaft.
Als in die Familie des Buchhändlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg kam, da wußten Vater und Mutter, daß ihre beiden Söhne Lutz und Wilhelm sofort mit mußten. Denn der eine stand eben beim Militär, der andere hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kräftige Leute; wenn die nicht ausziehen würden, wer dann? Darüber war also kein Zweifel! Es galt nur, so schnell wie möglich alles zu bedenken und zuzurüsten, was die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermüdlich tätig und Anna, die 14jährige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre beiden Brüder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den ganzen Tag in seinem Geschäft, einer großen Buchhandlung, tätig war, kam nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen Söhnen zu sein; er nannte sie immer noch „seine Buben“, obwohl sie ihm beide über den Kopf gewachsen waren. Die tüchtigen, jungen Burschen waren sein Stolz und seine Freude.
Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklärung. Wohl wußten sie: der Krieg ist ein Unglück; aber daß er gerade jetzt ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhörtes Glück! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstürmten, das Vaterland schützen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche Aufgabe, keine großartigere konnte das Leben bringen.
Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; für Vater, Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem großen Begeisterungssturm dahin.
Und dann wurde es plötzlich still; der erste Abend ohne die Brüder! Die waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,—mehr wußte man nicht. Aber die Zurückgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzählte jetzt mehr von seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.