„So glänzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen,“ sagte er. Aber siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrücken der Truppe vergangen, da verkündete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: Die Festung Lüttich erobert!

Das war ein glänzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil daran. Bald kam ein Brief voll Glück und Stolz: „Ich bin in Lüttich dabei gewesen und habe mitgekämpft! Ihr habt gewiß in der Zeitung gelesen von dem Riesengeschütz, der „fleißigen Berta“, womit wir so schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was das für ein Höllenlärm ist, wenn unser großer Brummer loslegt und wie der Boden wankt von der Erschütterung. Und ist es nicht großartig, daß niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschütz? Ganz im geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit überrascht worden. Es ging aber heiß her und es waren schwere Gefechte, bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann aber war's schön! Anna, einmal hätte ich dich hergewünscht, du hättest gelacht, wenn du gesehen hättest, wie ein paar von uns eine schwarz-weiß-rote Flagge zusammen nähten, denn es war keine bei der Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stück aus einer schnell zerschnittenen belgischen Hose, zum weißen ein Handtuch, der rote fiel etwas dünn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt wurde. Es kann nichts Schöneres geben, als nach hartem Kampf eine deutsche Flagge hissen!—Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts voneinander. Grüßt ihn.“

Kaum zwei Wochen später läuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt, und von Mund zu Mund ging's: Großer Sieg in Lothringen, 10000 Franzosen gefangen, 50 Geschütze erobert. Diesmal war es Lutz, der jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, daß er den Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: „Von all den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon lesen und hören. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und nichts Beglückenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hören. Wohin wir jetzt kommen, weiß ich nicht.“—

Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den beiden Brüdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim! Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im Geschäft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Söhne und suchte doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend: Nichts gefunden.

Aber eines Tages—die Mutter und Tochter waren eben beschäftigt für jeden der Brüder ein Päckchen mit warmen Socken zu packen—da trat der Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.

Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. „Was ist's?“ „Keine Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermißt.“ Und er fügte hinzu: „Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr werdet euch erinnern, daß erst kürzlich in einem Artikel ausgeführt wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschließen, weil sie nicht gleich die Möglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurückzukehren.“ „Ja,“ sagte Anna, „bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so, weißt du noch, Mutter?“ Vater und Tochter hatten dasselbe Gefühl: sie wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das zitterte aber so sehr in ihren Händen, daß sie nicht lesen konnte. Sie legte es weg. „Setze dich, Mutter!“ Anna schob ihr einen Stuhl hin; die Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: „Bleibe noch ein wenig oben bei uns, es ist so schwer!“

Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den langen, schweren Zeiten der Ungewißheit, die nun folgte. Gegenseitig machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.

Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: „Wochenlang habe ich nichts von euch gehört, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben für unser Regiment. Warme, saubere Hemden! Ihr wißt nicht, was das für eine Wonne ist! Ich und fünf Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weißen, spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten Villa eines verwüsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwäsche, in Zigarren und Würsten und sagen tausend Dank für alle Liebesgaben. Was wißt ihr von Lutz?“

Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf; er hatte einen Brief in der Hand. „Von Lutz,“ sagte er; aber es klang nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und Tochter antwortete er: „Er ist gesund, aber gefangen ist er!“—„Also doch, o Gott, gefangen!“ rief die Mutter.—„Aber er lebt doch und ist gesund,“ tröstete Anna; „bitte, Vater, lies seinen Brief vor!“

„Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches ist wunderlich.“ Er las vor: „Liebe Eltern! Ich bin gefangen in Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle. Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer Sohn und Bruder Lutz.“