„Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft, ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja, ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas herausbringen!“

Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz _N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben das Wort: Provence. „In der Provence ist er,“ rief sie triumphierend und sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern ihren Spaß gehabt hatte. „Mutter,“ sagte sie, „du darfst dich nicht zu arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht, und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben.“

So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben; manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los. Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden.

Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief, sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren.

Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.

Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel zu tragen.

Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen in ihnen noch nach: „Helfen, wo wir irgend helfen können, tragen, was immer uns auferlegt sein mag.“ Da fand Herr Schreiber den Mut, seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: „Pauline, wenn du noch etwas mehr tragen willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte ich noch etwas helfen.“

Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört hatte. „Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können. Was meinst du?“—„Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch deinen Mann noch hergeben.“

„Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?“

„Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben, sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen. Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?“