„Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?“
„Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt ist; aber keiner von euch antwortete mir.“
„Weil wir deine Frage nicht hören konnten,“ sagte Zaran lächelnd.
„Ihr konntet nicht?“
„Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.“
„Selbstverständlich!“ sagte Fridolin Frommherz; „das kam mir augenblicklich gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.“
„O ja,“ lächelte Zaran, „durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist, die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem Mangel an Luft.“
Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod überall.
Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern, beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu leicht.
Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!