Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich, ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang, war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.

Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde.

Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein — ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit — als das Luftschiff der Marsiten so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat. Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen. Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an schwere Gegenstände an.

„Was ist das?“ fragte Fridolin Frommherz erschrocken.

„Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir Marsiten es noch nie erlebt haben.“

Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.

Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über seine Hände.

Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters. Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen. Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.

„Sieh, mein Freund,“ sagte Sirian zu dem Erdensohne, „du hast in den vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und Schneefall — aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.“

Fridolin Frommherz nickte.