„Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft, den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, — aber du hast recht, die Erde mit ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.“
„Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen. Und abermals schwinden die Jahrmillionen, — dann seid auch ihr nicht mehr; andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. — Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt! Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten Atmosphäre.“
Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.
Zehntes Kapitel.
Die drei Freunde.
Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum, die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige, idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars hatten führen dürfen.
Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren die gelehrten „Weltensegler“ wieder einmal Gegenstand allgemeiner Huldigung.
Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche, brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung zu tragen.
In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph, und Parazelsus Piller, der Arzt.
In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.