Diese Weise wurde aber auch von Leuten nicht ritterlichen Standes frühzeitig befolgt, indem sie sich nach ihrem Stammorte oder ihrem Wohnsitze benannten. So begegnen wir unter den hervorragenden Dichtern des 13. Jahrhunderts einem bürgerlichen „meister“ Konrad, der sich selbst Konrad von Würzburg nennt.[62]
Daß solche Zusätze sich allmählich befestigten, war naturgemäß, ja fast unvermeidlich, sobald eine Familie längere Zeit in demselben Besitze blieb oder an derselben Stelle wohnte.
Die aus dieser Quelle geflossenen zahlreichen Namen zerfallen in zwei Hauptgattungen, je nachdem sie von allgemeinen Ortsbezeichnungen oder von bestimmten Ortsnamen herrühren. Betrachten wir jene zuerst!
Uns klingen jetzt die Namen mancher Landleute in Schillers Tell auffällig und fremdartig: (Hans) auf der Mauer, (Jörg) im Hofe, (Burkhart) am Bühel u. a. Solcher Benennungen aber, wie sie hier Schiller im Anschluß an die Schweizer-Chronik von Tschudi gewählt hat, gab es ursprünglich sehr viele, von den verschiedensten Örtlichkeiten entlehnt und mit den mannigfachsten Verhältniswörtern: von der Au; am Ende (der am Ende des Ortes Wohnende); aus dem Werd (Werder, Insel); beim Born; vor dem Baum; achterm Boil (hinter dem Bühel d. i. Hügel); unter den Weiden; zum Steg u. s. f.[63]
Später fiel dann das Verhältniswort meist ab, eine Familie aus dem Werd nannte sich einfach Werth, ter Varrentrap (zu der Ochsenspur) Varrentrap — oder dasselbe wurde eng an das Hauptwort herangezogen und mit ihm vereinigt. So ist eine Anzahl Familiennamen entstanden, die man nur nach ihren Bestandteilen auseinander zu schneiden braucht, um sie sofort zu verstehen:
- Ambach: am Bach;
- Imhove: im Hofe;
- Zumbusch: zum Busch;
- Vormbaum: vor dem Baum;
- Auffenberg: auf dem Berg usw.
Bisweilen sind dabei allerdings Entstellungen eingedrungen: Tremöhlen statt ter Möhlen (hochd. zur Mühlen), Austermühle statt aus der Mühle, Amthauer statt Amthor.
Nur selten hat die ursprüngliche Form, Hauptwort und Verhältniswort getrennt, sich erhalten, wie in: aus der Ohe, aus’m Werth, ten Brink (niederd. = zum Hügel), zum Bild, ganz vereinzelt Zur-Linde.[64]
In entsprechender Weise werden Familiennamen von bestimmten Ortsnamen (Stadt- oder Dorfnamen) abgeleitet. Wer aus einem fremden Orte zuzog, wurde beim Eintragen in die Bürgerrollen am einfachsten nach dem Orte bezeichnet, aus welchem er kam. So ist in den Bürgerrollen von Nordhausen aus dem 13. und 14. Jahrhundert ein Personenname aus von (oder lateinisch de) und einem Ortsnamen gebildet die gewöhnlichste Bezeichnung, z. B. Henricus de Erfordia, Ludovicus de Molhusen. Das von fiel später weg, zumal der Adel es mehr und mehr als sein Kennzeichen und Sonderrecht hinstellte. Dieser allmähliche Wegfall ergibt sich deutlich aus einer Zusammenstellung Förstemanns (Programm S. 11), wonach von 27 Mitgliedern des Rates zu Nordhausen im Jahre 1385 noch 13 das von mit einem Ortsnamen haben, dagegen 1401 nur 7, 1421 nur 2, 1475 noch einer, endlich 1484 keiner, obgleich nicht weniger als sieben einen Ortsnamen als Familiennamen führen.