Wir aber müssen die Bachsche Fuge unserer Orgel anpassen. Unsere „Auffassungen“ entspringen z. T. nur der Not, was nicht hindert, daß diese „Auffassungen“ von den meisten als ein künstlerischer Fortschritt angesehen werden. Weil wir sie nicht so einfach spielen können, wie sie gedacht ist, registrieren wir sie und behandeln sie orchestral. Wir gießen sie in eine neue Form, bringen Steigerungen und Diminuendi an, wo keine im Fugenplan vorgesehen sind, weil wir die von Bach gedachte klare und gesättigte Klangfarbe auf unserer Orgel nicht produzieren können.

Und zuletzt hilft doch alles nichts, denn auf unseren Orgeln hört man nur Diskant und Baß: die Figuren der Mittelstimmen darauf zu verfolgen, ist unmöglich. Von den Geschmacklosigkeiten, die beim Registrieren passieren, will ich nicht reden. Ich habe einmal das Thema der großen G-moll-Fuge mit den Flöten des III. Klaviers intonieren hören, worauf dann die ganze Fuge fischleibartig anwuchs. Aber geschmacklos oder geschmackvoll registriert: es bleibt die so gespielte Fuge unwahr und unnatürlich, als wollte man Dürersche Stiche in kolorierter Kreidezeichnung herausgeben, damit sie „wirken“[4].

Ich sehe heute noch das überraschte Gesicht einer unserer berufensten und bekanntesten Bachsängerinnen, als sie unlängst auf der Orgel zu St. Sulpice unter Widors Händen die G-moll-Phantasie in ihrer einfachen tongesättigten durchsichtigen Form erstehen sah.

Zurück zu den von Bach verlangten polyphonen, nicht orchestralen Orgeln! Feinere Grundstimmen! Harmonische Einheit der Grundstimmen! Weg mit unseren wenigen schreienden Mixturen! Viele und weiche Mixturen!

Wo ist auf unseren Orgeln die Mixturenfamilie auf einem Manual auch nur einigermaßen vollständig vertreten? Unsere II. und III. Klaviere waren lange Zeit von Mixturen entblößt. Langsam kommt man dazu, ihnen auch auf kleinen Orgeln wieder eine Mixtur zuzugestehen. Aber wie lange wird es dauern, bis die richtige Mixturenproportion auf allen Klavieren erreicht ist, bis es zum Dogma erhoben ist, daß eine Orgel desto wahrer, schöner und reicher ist, je mehr schöne feine Mixturen sie hat, daß sie überhaupt davon nie zuviel haben kann und daß auch unsere Schwellkastenklaviere damit geladen sein müssen? Denn die Bachsche Fuge verlangt Homogenität der Klangfarbe auf allen drei Klavieren! Sie ist einfarbig gedacht, wie der Kupferstich.

Das ist aber wieder eine Geldfrage. Eine Orgel mit den richtigen Mixturen von 40 Stimmen stellt sich mindestens ebenso teuer als unsere heutigen Orgeln mit 50 Stimmen, wenn nicht teurer. Aber es kommt sicher eine Zeit, wo wir wieder nicht auf die Zahl, sondern auf den klanglichen Reichtum der Stimmen sehen, wo wir die richtige teuere Orgel von 40 Stimmen der falschen von 50 vorziehen werden und auf unsere Instrumente, bei denen einige wenige brutale Mixturen gegen den formlosen Gigantenleib unserer Grundstimmen in unaufgelöstem Widerstreit liegen, als auf etwas Überwundenes zurückblicken werden.

Dann, nicht eher, ist auch die Pedalfrage gelöst. Unsere Pedale sind zu stark und zugleich zu schwach, weil der Ton uncharakteristisch und undeutlich ist. Wenn man ein Pedalsolo auf einer unserer Orgeln hört, meint man, es wälze sich ein Drachenleib aus dem Hintergrunde der Kirche in wilden schwerfälligen Windungen heraus. Setzt dagegen das Manual zum Pedal ein, so fragt man sich alsbald: wo ist denn das Pedal? Unsere volle Orgel ruht auf tönernen Füßen, denn im Vergleich zum vollen Werk unserer gekoppelten Manuale sind unsere Pedale dann doch immer wieder schwach, besonders da dann unsere gierigen Manualgrundstimmen, da sie schneller zuschnappen als die bedächtigen großen sechzehnfüßigen Holztiere, ihnen den Wind wegfressen.

Die Sättigung des Pedals mit schönen Mixturen ist die einzige Lösung der Pedalfrage für das volle Werk. Nun finden sich aber auf unsern Pedalen fast keine Mixturen. Auch die Vierfüße fehlen durchschnittlich. Und die ein oder zwei Mixturen, die sich eventuell darauf befinden, sind unbrauchbar, weil sie sich nicht mit der Grundstimmenmasse vermischen, sondern in unaufgelöstem Zwiespalt mit ihr die Figuren nur undeutlich machen, manchmal geradezu akustisch entstellen. Andererseits sind wir in der Steigerung des Tonvolumens unserer Pedalgrundstimmen schon weit jenseits der Grenze des künstlerisch Erlaubten. Man höre einmal die F-dur-Toccata auf unseren Orgeln. Wer kann dieses Hervorkollern der übermäßigen Töne schön finden? Wer darin die wunderbare Bachsche Linie heraushören?

Nicht übermäßig starke, sondern tonreiche, tonintensive, biegsame, sich auch bei gekoppelten Grundstimmen und Mixturen aller Klaviere wie von selbst durchsetzende Pedale müssen wir bauen. Das heißt: nicht übermäßig starke und nicht übermäßig viele Grundstimmen 16′ und 8′, aber fast genau so viel schön und weich intonierte Mixturen. Ein solches Pedal ist nie zu schwach und nie zu stark und besonders: es verdunkelt und verdeckt die Mittelstimmen des Manuals nicht.

Diese Erkenntnis, daß wir wieder zu den vielen und schönen Mixturen zurückkehren müssen, brach sich bei Cavaillé-Coll in der letzten Periode seines Schaffens immer mehr Bahn. Sein Schüler Mutin, der das Haus jetzt leitet, wandelt in des Meisters Bahnen und verwirklicht die Erkenntnis. Ich werde den Augenblick nie vergessen, wo ich zum ersten Male verwirklicht hörte, was ich erträumte: ein ideales Pedal. Es war auf der Musterorgel, die Cavaillés Atelier ziert, einem mixturenreichen Werk von etwa 70 Stimmen. Auf dem Pedal sind fast alle Mixturen, auch die Septime, vertreten. Ich spielte Bachs A-moll-Fuge mit gekoppelten Klavieren, alle 8, 4 und 2 Grundstimmen und Mixturen gezogen. Die Linien der Pedalfiguren standen einem ohne jede Aufdringlichkeit, aber mit intensiver Plastik, vor Augen. „Spielen Sie sie noch einmal“, sagte Mutin, „ohne Mixturen“. Als ich die Pedalmixturen einstoßen wollte: „Halt“, sagte er, „die bleiben“. Und dasselbe Pedal, das vorher für das volle Werk ohne Zungen überaus stark genug gewesen war ... war für die neue Registrierung, obwohl unverändert, nicht zu stark. Zuletzt gebrauchte ich dasselbe volle Pedal und beließ auf den Klavieren nur die Prinzipale 8 und 4 ... und es war auch nicht zu stark ... Da war mir zumut wie einem, der einen Blick in die Zukunft tun durfte, und ich stieg von der Bank herunter, nun innerlich ganz überzeugt, daß die Zeit der „tonstarken“ Orgel im Vergehen ist und die Zeit der „tonreichen“ Orgel, der Orgel Bachs, der in neuer Glorie erstehenden alten Orgel heraufzieht.