Wenn man die geniale Erfindungsgabe unserer deutschen Orgelbauer, die in den letzten zehn Jahren fast nur auf Verbilligung ausging und ausgehen mußte, auf die rein künstlerischen Fragen losließe! Das kommt aber erst, wenn wir nicht mehr gedankenlos auf die Zahl der Register sehen und uns darein finden, daß die Preise gut um ein Drittel in die Höhe gehen! Bis dahin leben wir in der Periode der guten Fabrikorgel.

Wer kann denn bei diesen Preisen nur prima Material haben? Wie ist eine künstlerische Intonation dabei möglich? Ein Intonieren nach dem Lokal, in künstlerischer Gewissenhaftigkeit, d. h. viermal so langsam als jetzt, wo man ängstlich die Spesen für jeden Tag des Intonateurs ausrechnen muß und wo schon der Versuch, künstlerisch zu intonieren, allen Gewinn verschlingen würde.

Die guten Intonateure sollten wie Minister bezahlt sein und in dem Range der Künstler so stehen, daß ein künstlerischer Intonateur gleich sechs Durchschnittsvirtuosen geachtet würde, da ein halbes Dutzend der letzteren leichter zu finden ist als ein künstlerischer Intonateur. Von den Ministern hat die Nachwelt nur die Folgen der Fehler, die sie gemacht haben, zu tragen; von den Virtuosen behält sie vielleicht den Namen; von den Intonateuren aber das Werk, so, wie es aus ihrer Hand hervorgegangen ist, daß sich Generation auf Generation daran erbaut.

Wo soll der Orgelbauer bei den heutigen Preisen die Mittel zu Versuchen hernehmen, ohne die es keinen Fortschritt gibt? Man sagt, daß wir im Begriff sind, ein reiches Land zu werden. An unsern Orgeln wird man das dereinst nicht sehen, denn das frühere arme Deutschland baute sie reicher.

Man täusche sich nicht! Wie die Orgeln, so die Organisten. Kein Instrument übt einen solchen Einfluß auf die Künstler aus. Vollkommene Orgeln erziehen Organisten zur Vollkommenheit; unvollkommene erziehen sie zur Unvollkommenheit und zum falschen Virtuosentum. Dagegen hilft kein Talent und kein Genie. Die Orgelkunst ist immer das Produkt der Orgelbaukunst. Ohne die in ihrer Art vollendete Orgelbaukunst seiner Zeit wäre die Bachsche Orgelkunst nie entstanden.

So ist auch die heutige französische Orgelschule ein Produkt des vollendeten Orgelbaues. Wir sind in Deutschland an Talenten unbedingt reicher. Aber einen Kreis von so außerordentlichen Meistern, wie er in Frankreich in den Namen Saint-Saëns, Guilmant, Widor, Gigout und Vierne charakterisiert ist, besitzen wir nicht.

Der französische Organist unterscheidet sich vom deutschen durch die Einfachheit des Spiels. Das Virtuosenhafte, das bei uns zum bedeutenden Organisten gehört, existiert dort weniger. Erstrebt wird vor allem die ruhige Plastik, die das Tongebilde in seiner ganzen Größe vor dem Hörer erstehen läßt. Es kommt mir vor, als säße der französische Organist sogar ruhiger auf seiner Orgelbank als wir. Bei allen findet man absolute Präzision des Niederdrückens und des Aufsteigenlassens der Taste, konsequente Bindung und eine klare, natürliche Phrasierung. Es gibt bei uns gewiß viele Organisten, die diese Eigenschaften in demselben Maße besitzen, aber in Frankreich sind sie eben Produkt der Schule. Jeder, auch der sonst mittelmäßige, besitzt sie, während es bei uns hervorragende Spieler gibt, die z. B. die absolute Präzision nicht besitzen, bei denen Hände und Pedal nicht mathematisch genau miteinander gehen, wodurch die übrigen Eigenschaften ihres Spiels für den Hörer, der „hört“, beeinträchtigt werden. Allerdings ist es auf unsern Orgeln auch schwerer, absolut präzis zu spielen, als auf den französischen mit ihrer Kraftübersetzung. Was ich an den französischen Organisten immer besonders bewundre, ist die Ruhe und Unfehlbarkeit des Pedalspiels.

Ich kann meine Empfindung nicht besser ausdrücken als wenn ich sage: der französische Organist spielt objektiver, der deutsche persönlicher. Auch dies liegt wieder an der Schule. Wir haben keine, sondern ein jeder geht seinen eigenen Weg. So viel Organisten, so viel Auffassungen. Das ist bis zu einem gewissen Grade ein Vorteil, den wir vor den Franzosen haben. Ich erfreue mich oft an der individuellen Lebhaftigkeit deutscher Organisten, wenn sie geschmackvoll ist. Andererseits aber gehen wir viel zu weit und bringen aus lauter „Persönlichkeit“ im Spiel und in der Komposition die Leidenschaftlichkeit auf die Orgel, die natürliche Menschenleidenschaftlichkeit, nicht die wunderbar verklärte objektive Leidenschaftlichkeit der letzten großen Präludien und Fugen Bachs, und entstellen die Werke unseres großen Meisters, indem wir sie durch unsere Menschenleidenschaftlichkeit lebendig machen wollen. Die Orgel selbst soll reden. Der Organist und seine Auffassung sollen dahinter verschwinden, „s’effacer“, wie man auf französisch sagt. Er ist, mit allen seinen Gedanken, zu klein für die sich schon im äußeren Anblick bekundende, ruhende Majestät des Instruments, das, wie uns Bach lehrt, alle Gefühle in Verklärung darstellt[6].

Vielleicht gehen die Franzosen ihrerseits in der Objektivität des Spiels zuweilen zu weit. Aber die Ruhe und Größe, die darin liegt, ist so wohltuend, daß man das Zurücktreten jedes ausgesprochen persönlichen Gefühls nicht wahrnimmt. „Orgelspielen“, sagte mir Widor einmal auf der Orgelbank zu Notre-Dame[7], als die Strahlen der untergehenden Sonne in verklärter Ruhe das dämmerige Schiff durchzogen, „heißt einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen manifestieren. Aller Orgelunterricht, der technische und der künstlerische, geht nur darauf aus, einen Menschen zu dieser höheren reinen Willensmanifestation zu erziehen. Dieser Wille des Organisten, der sich in der Orgel objektiviert, soll den Hörer überwältigen. Wer den großen konzentrierten Willen nicht in ein Bachsches Fugenthema hineinlegen kann, daß auch der gedankenlose Hörer sich ihm nicht entziehen kann, sondern nach dem zweiten Takt eben auffassen und begreifen muß, ob er will oder nicht, und nun die ganze Fuge hört und zugleich sieht: wer über diesen konzentrierten, mitteilungskräftigen, ruhigen Willen nicht verfügt, kann zwar dennoch ein großer Künstler sein, ist aber kein geborener Organist. Er hat sich eben im Instrument geirrt, da die Orgel die Objektivierung des Geistes zum ewigen, unendlichen Geist darstellt, und ihrem Wesen und ihrem Ort entfremdet wird, sobald sie nur Ausdruck des subjektiven Geistes ist.“

Guilmants Spiel liegt dieselbe Auffassung vom Wesen der Orgel zugrunde, nur daß bei ihm die Objektivität durch ein gewisses lyrisches Empfinden eigentümlich und interessant belebt wird.