Es handelt sich also darum, das Hinzutreten und das Abtreten neuer Klangaggregate zu ermöglichen. Auch hier glaube ich, wird sich wieder die Vermittlung zwischen französischem und deutschem Typus empfehlen, nämlich eine Vermittlung zwischen unserer freien Kombination und der französischen Einführung der Mixturen und Zungen. Die französische Einrichtung hat den Nachteil, daß sie nur die Einführung von Mixturen und Zungen gestattet; die deutsche, daß die eintretende freie Kombination die gezogene Registrierung aufhebt. Nun richte man es so ein — der Pneumatik ist ja alles möglich —, daß die auf die freie Kombination eingestellte Registrierung die gezogene, je nach Belieben des Organisten, aufhebt oder komplementierend hinzutritt, um durch dieselbe Druckknopf- oder Trittbewegung wieder wegzutreten, je nachdem der Spieler vor Beginn des Spiels einen Tritt oder Knopf, der das Stehenbleiben der Hauptregistrierung bewirkt oder annulliert, niederdrückt oder nicht.
Wir hätten demnach als Ressourcen für eine mittlere Orgel:
Pedalkoppeln, Manualkoppeln, Super- und Suboktavkoppel, doppelt verwendbare freie Kombination in der oben beschriebenen Art für jedes Klavier und für das Pedal, dazu noch den Rollschweller. Bei den Koppeln wäre noch eine Einführung der Stimmen des ersten Klaviers, in der Art des französischen G. O. anzubringen.
Dieser Typus hat sich mir durch ein jahrelanges Nachdenken über französische und deutsche Orgeln und durch ein fortgesetztes Streben nach der zweckmäßigen Vermittlung zwischen beiden aufgedrängt, wobei anregende Unterhaltungen mit den Orgelbauern von hüben und drüben mir wertvolle Fingerzeige boten. Man probiere diese einfachen Ressourcen in Gedanken durch und man wird finden, daß ihr Reichtum im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Einfachheit steht[1]. Alles, was auf einer französischen und deutschen Orgel möglich ist, ist es auch auf dieser. Bach, César Franck, Guilmant, Widor und Reger lassen sich in gleicher Weise darauf spielen.
Freilich, man wird vielleicht gegen diese Orgel einwenden, daß sie zu einfach ist, denn die Kompliziertheit unserer Orgeln ist nachgerade, trotz einiger warnenden Stimmen, bei uns zur Manie geworden. Wenn eine Orgel nicht aussieht wie das Zentralstellwerk eines großen Bahnhofs, taugt sie für eine gewisse Kategorie unserer Organisten von vornherein nichts. Sie wollen ein halbes Dutzend übereinandergelagerter freier Kombinationen, wenn sie sie auch auf einer Tafel hinter ihrem Rücken anbringen müßten, dazu Druckknöpfe für Chöre, Tutti- und Kombinationsknöpfe, alles womöglich in größter Menge. Ich gestehe, daß ich auf so komplizierten Orgeln nie besser als auf andern spielen hörte, gewöhnlich aber die Bemerkung machte, daß entsprechend dem Reichtum der sich kreuzenden Ressourcen entsprechend viel „passiert“ war.
Von unseren Echo-Fernwerken mag ich nicht reden. Sie haben mit der Orgel an sich nichts zu tun und sind eine gefährliche Spielerei, die den Geschmack des Publikums und, was noch schlimmer, des Organisten verdirbt.
Das „Organola“ gar ist der Sündenfall unseres modernen Orgelbaues. Wann werden in der Öffentlichkeit genug Stimmen laut werden, die das Anbringen eines solchen Apparats zum Mechanisch-Spielen als das, was es ist: als eine Beleidigung der Orgelkunst hinstellen! Für mich hat das Organola nur eine soziale Bedeutung: daß man in Zukunft Krüppel und Kriegsinvaliden mit Organistenplätzen versorgen kann.
Welche Geschmacksverirrung liegt aber schon darin, daß unser Orgelbau uns solche nichtssagende Dinge wie Echowerke und Organola zu offerieren wagt!
Fast lächerlich ist, wie für die kleinen Orgeln das Moderne geradezu ausschließlich in der Überladung mit Druckknöpfen gesucht wird. Auf Orgeln von 10 oder 12 Stimmen findet man Kombinationszüge für Piano, Mezzoforte, Forte und Fortissimo! In gedankenloser Bequemlichkeit kommen unsere Organisten von der ausgedachten Handregistrierung ganz ab.
Es scheint mir fast, als wären wir alle von dem Trugbild der „Konzertorgel“ getäuscht. Was heißt denn Konzertorgel? Gibt es denn zwei Arten von Orgeln? Oder gibt es nicht nur eine beste Orgel und ist nicht diese zur Kirchenorgel gerade gut genug? Was würde der alte Bach sagen, wenn er von unseren Unterscheidungen hörte? Was würde er erst sagen, wenn er wüßte, daß wir zwischen Organisten und Orgelvirtuosen unterscheiden? Gibt es denn noch etwas, das höher ist als ein „guter Organist“ sein, ein solcher, der sich bewußt ist, nicht seinen Ruhm zu suchen, sondern hinter der Objektivität des heiligen Instrumentes zu verschwinden und es allein reden zu lassen, als redete es von sich selber, ad majorem Dei gloriam?