„Denken Sie sich,“ sagte mir einmal Widor, „man hat mich beleidigt. Man hat mich in einer Zeitschrift einen Orgelvirtuosen genannt. Ich bin aber ein ehrlicher Organist. Ein Orgelvirtuose ist nur der Wildling des Organisten.“
Daß die „Konzertorgel“ und der „Orgelvirtuose“ in Frankreich fast unbekannt sind, ist das Verdienst des Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll, des Schöpfers des einfachen und in seiner Art vollendeten Typus der französischen Orgel. Er war mehr als ein großer Orgelbauer: er war, wie Silbermann, ein Genius des Orgelbaues. Ich kann seiner nicht vergessen und sehe ihn heute noch mit dem Käppchen, mit den treuen guten Augen, in denen so viel Kunst und Intelligenz lag, allsonntäglich neben Widor auf der Orgelbank zu St. Sulpice sitzen und mit der Hand über den Spieltisch seiner Lieblingsorgel fahren.
Man hat es mir in deutschen Organistenkreisen verschiedentlich übel genommen, daß ich in meinem französischen Buch über Bach behauptete, Bach würde das Ideal seiner Orgel eher in dem von Cavaillé-Coll geschaffenen Typus wiederfinden als in unseren Instrumenten. Da ich diese Behauptung auch in den demnächst erscheinenden deutschen und englischen Ausgaben meines Werkes aufrecht erhalte, möchte ich sie hier begründen und zur Diskussion stellen.
Maßstab einer jeglichen Orgel, bester und alleiniger Maßstab, ist die Bachsche Orgelmusik. Man wende diesen Satz künstlerisch auf den Orgelbau an und male sich nicht immer wieder aus, wie Bach vor Freude über unsere Druckknöpfe seine Perücke in die Luft werfen und wieder auffangen würde, um sich dann hinzusetzen und sich von einem modernen Orgelvirtuosen belehren zu lassen, was man auf der modernen Orgel alles aus seiner Musik „herausholen“ kann.
Als ein auf das Wesen der Dinge dringender Geist würde er alsbald fragen, wie denn die Mechanik unserer Orgel ist?
Nun sind ja die praktischen Vorteile der Röhrenpneumatik in die Augen springend: Leichtigkeit und Rapidität des Anschlags, Vereinfachung der Anlage, unbeschränkte Möglichkeit aller Ressourcen. Sind das aber ebenso viele ästhetische Vorteile?
Nein. Unsere Röhrenpneumatik ist eine tote Präzision. Sie besteht aus einer Kraftübertragung rein durch Luftdruck. Es fehlt ihr das lebendige und elastische des Hebels. Alle Federn können die elastische direkte Übertragung durch den Hebel nicht ersetzen. Alle Anstrengungen des Spielers müssen darauf gerichtet sein, das Tote dieser Präzision zu verdecken. Es gehört ein Künstler dazu, um auf einer guten Pneumatik gut zu spielen. Und die pneumatischen Systeme unserer Walker und Sauer, um nur zwei der hervorragendsten zu nennen, sind wahre Meisterwerke.
Wenn man dann gar den Durchschnitt der vielsystemigen Pneumatiken nimmt, mit schlechtregulierten Tasten, ohne Tiefgang, ohne Leergang, ohne Druckpunkt, wo die geringste Fingersubstitution ein Wagnis ist, weil die Nebentaste bei der geringsten Berührung anspricht, mit Pedalen, wo es dem besten Organisten unmöglich ist, korrekt und sauber zu spielen ... wenn man diese Durchschnittspneumatiken nimmt, wo man nervös bis zum Exzeß und verzweifelt die Orgelbank verläßt, frage ich mich, ob wir nicht künstlerisch durch unsere Pneumatiken verloren haben. Kein Organist will mehr eine Mechanik[2]. Und doch, wie viele, die auf ihrer alten Mechanik gut und sauber gespielt haben, schmieren auf der neuen, auf die sie so stolz sind, und spielen unpräzis, ohne es zu wissen, weil sie den Anforderungen der Pneumatik nicht gewachsen sind.
Ich glaube, daß wir in Deutschland von der blinden Begeisterung für die Pneumatik zurückgekommen sind und einzusehen beginnen, daß, künstlerisch betrachtet, Pneumatik nur ein Notbehelf für Verhältnisse ist, wo die Traktur nicht mehr verwendbar ist. Bei der Traktur fühlt der Finger an einer gewissen Anstrengung genau, wann der Ton kommt; er nimmt Druckpunkt. Und die niedergedrückte Taste strebt unter dem Finger empor, um, sobald derselbe den geringsten Impuls zeigt, sie zu verlassen, durch ihre Schwerkraft alsbald emporzusteigen und den Finger mit aufzuheben. Die Kraft der Taste kooperiert mit dem Willen! Auch der mittelmäßige Organist kann auf Traktur nicht schmieren. Bei der Pneumatik fehlt die Kooperation der Taste. Sie verschlechtert das Spiel, statt es zu verbessern, und bringt den geringsten Fehler an den Tag.
Nur bei der Traktur steht man mit seiner Orgel in wirklicher lebendiger Verbindung. Bei der Pneumatik verkehrt man mit seinem Instrument per Telegraph ... denn auch der Morseapparat beruht auf einer federnden Taste. Die Traktur der Orgel von St. Thomä zu Straßburg ist wohl über hundert Jahre alt. Aber es ist eine Wonne, eine Fuge von Bach darauf zu spielen. Ich wüßte keine Orgel, auf der alles so klar und präzis herauskommt.