Nicht davon zu reden, daß die Pneumatik durch geringste Dinge beeinflußt wird. Einst, zwischen einer Hauptprobe und einer Aufführung, mußte der Orgelbauer telegraphisch herbeigerufen werden, weil etwas an der Pneumatik gestört war. Der Schaden ist gehoben. Triumphierend zeigt er mir den Störenfried: ein von der Decke gefallenes Sandkörnchen. „Nur ein Sandkörnchen!“ ... „Das ist das Schlimme“, erwiderte ich, „daß ein Sandkörnchen so eine Störung verursachen kann. Wenn’s ein Erdbeben gewesen wäre, würde ich nichts sagen. Und dann noch! Sie werden sehen, daß die alten Trakturorgeln nicht einmal beim Weltuntergang leiden, sondern bestehen bleiben werden, daß die Engel des jüngsten Gerichts das Gloria drauf spielen“. Er war so perplex über diese „Umwertung der Werte“, daß er sogar die Redensart von den heißen Sommern vergaß, die man gewöhnlich gegen die Traktur ins Feld führt.
„Aber die Pneumatik geht so leicht!“ Der dies einwarf, war ein Hüne, der auf jedem Jahrmarkt als Kraftmensch hätte auftreten können.
Daß eine gute Traktur in kleinen Verhältnissen besser ist als Pneumatik, wissen unsere Orgelbauer ganz gut und gestehen es auch ein. Aber Pneumatik ist einfacher und billiger zu bauen. Und sie sind durch die Verhältnisse gezwungen, das Billige zu bevorzugen.
Diesen Vorzug hat die französische Pneumatik, die auf dem Prinzip der bald sechzig Jahre alten Barckerlade beruht, nicht. Sie kommt fast um die Hälfte teurer zu stehen als unsere Röhrenpneumatik. Aber sie ist künstlerischer und elastischer, da sie mit dem pneumatischen Hebel operiert und also alle künstlerischen Vorteile der reinen Traktur gewissermaßen in die Pneumatik hinübergerettet hat. Wenn ich in Paris eine Orgel von Cavaillé-Coll oder Merklins schöne Orgel im Oratoire der Rue de Rivoli spiele, bin ich jedesmal aufs neue beglückt von der elastischen und sicheren Präzision dieser Kraftübertragung und habe nachher immer Mühe, mich wieder an unsere Pneumatiken zu gewöhnen. Aber die Preisfrage entscheidet bei uns eben alles.
Überhaupt könnten wir für die Details der Anlage von der französischen Orgel viel lernen. Ihre Tasten sind etwas kleiner als die unsrigen; die Obertasten raffiniert abgerundet; die Klaviere näher übereinanderliegend als unsere. Für möglichst genaue Bindung und leichten und sicheren Klavierwechsel, worauf ja Bach bekanntlich allen Wert legte, ist alles vorgesehen. Und erst die französischen Pedale! Sie kosten zwar etwa das Doppelte der unsrigen. Aber welche Vollkommenheit! Alle im Kreis angelegt, geschweift, neuerdings bis zum G reichend, und mit einer geradezu idealen Federung. Wir stellen weit geringere Anforderungen.
Das geschweifte Pedal hat sich bei uns noch nicht durchgesetzt, trotzdem seine Vorteile auf der Hand liegen, und jeder, der einmal über die radiäre Fußbewegung beim Pedalspiel nachgedacht hat, es als das einzig sinngemäße bezeichnen muß. Ich hätte mich unlängst mit einem befreundeten Organisten, dem ich beim Umbau seines Instruments geschweiftes Pedal aufnötigte, beinahe verfeindet und mußte ihm versprechen, ihm nach Jahresfrist das geschweifte eventuell durch ein gerades zu ersetzen, wenn er sich von der Zweckmäßigkeit der Neuerung nicht überzeugen könnte.
Als ich einen unserer bedeutendsten Orgelbauer darüber zur Rede stellte, daß er für das Ausland nur schöne geschweifte Pedale, für Deutschland aber fast nur gerade baute, antwortete er mir: „Im Ausland muß ich eben diese Pedale bauen. In Deutschland verlangt man sie nicht, und da manche Revisoren noch keine geschweiften unter den Füßen hatten, darf ich gar nicht damit kommen.“
Mit einem Wort: auf einer französischen Orgel ist leichter gut zu spielen als auf einer deutschen. Man ist, durch das einfache praktische Raffinement der Anlage, manchen Dingen, die einem bei uns passieren können, einfach nicht ausgesetzt. Wir schauen mehr auf das äußerliche für das Auge bestimmte Raffinement. Statt der Registerzüge fangen wir an, Registertasten zu bevorzugen; wir bringen zierliche Druckknöpfe an und finden es reizend zu tippen, statt einen ehrlichen Register- oder Koppelknopf zu ziehen.
Ich hatte soeben auf einer wundervollen alten Silbermann-Orgel eine Bachsche Fuge beendet und war noch ganz gefangen in dem zauberischen Klang der alten Mixturen, da bemerkte einer, der seit zwei Jahren „seine moderne Orgel“ hat, neben mir: „Es muß doch unangenehm sein, auf einer Orgel zu spielen, die noch nicht einmal Registertasten hat.“ Er hatte über der Entrüstung über die unmodernen Registerzüge ... die Orgel nicht gehört.
Ich möchte die Frage aufwerfen, ob wir nicht überhaupt über den sichtbaren Veränderungen an unsern Spieltischen die Hauptsache, die Klangwirkung, weniger beachtet haben? Sind die Fortschritte des Orgelbaues der klanglichen Wirkung zugute gekommen?