Nein! Nicht immer. Unsere Orgeln sind wohl „stärker“, aber nicht mehr so schön wie die alten. Unsere alten Orgeln, noch die vor zwanzig Jahren gebauten, sind schöner und künstlerischer intoniert als die unserer Zeit.
Merkwürdig bleibt mir, daß die Laien dies vor den Organisten bemerkten. Schon so und so oft wagten musikalische Laien, wenn eine alte Orgel durch eine neue ersetzt worden war, nach einiger Zeit mir gegenüber die schüchterne Bemerkung, „daß die alte doch fast schöner gewesen sei“. Bei den Organisten bricht sich diese Erkenntnis erst langsam Bahn. Wir müssen erst aus dem Erfindungstaumel aufwachen, um unser Gehör wieder zu erlangen.
Daß der Klang von den modernen Erfindungen nichts profitiert hat, liegt einerseits daran, daß eine der Haupterfindungen, die Möglichkeit der unbegrenzten Winderzeugung durch den elektrisch betriebenen Balg, uns naturgemäß — die besonnensten unter uns machten keine Ausnahme — auf eine falsche Bahn brachte. Wir fingen an, Klangstärke und Klangreichtum zu verwechseln. Auf den alten Orgeln mußte man mit der Windzufuhr sparen. Als wir dies nicht mehr brauchten, lachten wir über die engen Windkanäle unserer Väter und fingen an, „kräftig“ und „kernig“ zu intonieren, immer kräftiger, immer kerniger und freuten uns der tosenden und brausenden Orgeln. Den Höhepunkt erreichte die Begeisterung mit der Einführung der labialen Hochdruckstimmen[3]. „Nun haben wir es erreicht“, schrieb damals ein bedeutender Organist, „daß eine Orgel von fünfzehn Stimmen dasselbe volle Werk liefert wie früher eine von dreißig.“ Besser kann sich die Verirrung selbst nicht charakterisieren.
Die Ernüchterung kam; sie schreitet fort. Aber wie lange wird’s noch dauern, bis wir wieder einzig Klangreichtum erstreben, auf das Danaergeschenk der Klangstärke, das uns der elektrische Balg bot, verzichten und uns wieder freiwillig in die künstlerischen Grenzen zurückbegeben, in denen wir früher durch die Schwierigkeit, beliebige Windmassen zu erzeugen, gehalten wurden?
Eine fette Person ist weder schön noch stark. Künstlerisch schön und stark ist nur die Form mit dem vollkommenen Spiel der Muskeln. So werden wir auch mit der Zeit von der durch Windmassen aufgeblasenen modernen Orgel abkommen und das reiche und schöne volle Werk nur in dem Zusammenwirken der normalen, differenzierten und künstlerisch intonierten Register suchen und es aufgeben, ein volles Werk „zusammenzulügen“. Lüge besteht nicht in der Kunst, denn Kunst ist Wahrheit.
Aber, sogar wenn wir die künstlerische Einsicht besessen hätten, uns nicht durch die gesteigerte Möglichkeit der Winderzeugung auf falsche Bahn leiten zu lassen, wäre unser Orgelbau doch auf diese Bahn gedrängt worden. Das Ganze ist nämlich eine finanzielle Frage. Unser Orgelbau befand sich in der Zwangslage, auf diejenigen Erfindungen auszugehen, die Verbilligung, d. h. Bestehen in der Konkurrenz ermöglichten. Alles andere, die rein künstlerischen Probleme, mußten notgedrungen mehr daneben liegen bleiben. Die letzten vierzig Jahre, das Erfindungszeitalter im Orgelbau, werden vor der Geschichte einst nicht als die großen Jahre des künstlerischen Fortschritts dastehen, wie manche unter uns meinen, sondern man wird sie überschreiben: „Kampf des Kaufmännischen mit dem Künstlerischen. Sieg des Kaufmännischen über das Künstlerische.“
Ein Haus, das das Künstlerische über das Kaufmännische stellte, war von vornherein verloren. Der Erfindungstaumel, der uns Organisten in dieser Periode ergriff, verlangte äußere, epochemachende, verbilligende Entdeckungen. Diesem Geiste mußten sich unsere Orgelbauer, manche, wie ich weiß, innerlich ergrimmt, beugen.
So sind wir bei der Fabrikorgel angelangt, der guten braven Fabrikorgel. Was von Kunst an ihr ist, verdanken wir der Aufopferung unserer Orgelbauer, die auch bei diesen herabgesetzten Preisen noch das Beste leisteten, was zu leisten war, und zufrieden waren, wenn sie überhaupt bestehen konnten. Vor dem richtenden Urteil der Geschichte werden sie einst, trotzdem ihre Orgeln nur gute Fabrikorgeln sind, ehrenvoll bestehen; wir aber, die wir über die zu bauenden Orgeln entschieden und wähnten, daß die Kunst von der sich unterbietenden Konkurrenz profitieren könne, werden klein dastehen, weil wir nicht hinreichend begriffen, was wir als Schüler des alten Bach hätten begreifen müssen: daß ein Orgelbauer nur dann ein Künstler sein kann, wenn er als Künstler von einem Künstler gehalten wird. Fehlt ihm dieser Halt, so wird er durch die Macht der Umstände Kaufmann in Kunstgegenständen.
Gewiß gab es auch Ausnahmen. Aber im allgemeinen können wir Organisten es nicht leugnen, daß wir dem Zug der Zeit nach Verbilligung folgten, und daß derjenige oft die Bestellung erhielt, der für denselben Preis ein oder zwei Register — und war es nur ein mageres Äolinlein oder ein Druckknöpfchen — mehr bot, ohne daß wir uns fragten, ob damit künstlerische Arbeit, d. h. solche, die weder mit Zeit noch mit Lohn ängstlich zu rechnen braucht, noch möglich ist.
Ein gütiges Schicksal bewahrte zu derselben Zeit Cavaillé-Coll, in diese Bahn gedrängt zu werden. Seine Haupttätigkeit fiel in das letzte Jahrzehnt des Kaiserreichs, wo Geld für kirchliche Zwecke reichlich vorhanden war. Nachher boten ihm Guilmant und Widor, seine künstlerischen Berater, durch ihren Halt eine solche Superiorität, daß er seine Preise nicht nach der Konkurrenz zu richten brauchte. „Ja, der alte Cavaillé“, sagte mir unlängst einer unserer sympathischsten Orgelbauer, „wenn bei dem ein Arbeiter drei Wochen an etwas gearbeitet hatte und es paßte ihm nicht ganz, ließ er’s von vorne anfangen, und wenn’s wieder nicht paßte, noch einmal. Wer von uns kann das? Wir würden keine drei Monate existieren.“