Die Elster (weiße Elster) durchfließt nur in ihrem mittleren Teile thüringisches Gebiet. Ihre Quelle tritt im Elstergebirge südöstlich der böhmischen Stadt Asch zu Tage, fließt beim Badeort Elster über die sächsische Grenze und durchströmt nun über Adorf, Olsnitz, Plauen und Elsterberg die obere Platte des Osterländischen Stufenlandes. Von hier ab strömt sie in thüringischem Land über Greiz nordwärts in engem, windungsreichem Thale, das mit seinen waldreichen Steilwänden manche landschaftliche Schönheit bietet. Diesen Charakter behält das Thal, bis es an der Mündung der Weida das Gebiet der kambrischen Schiefer verläßt. Die tiefen Einschnitte der Elster und seines rechten Nebenflusses Göltzsch haben solche Verkehrsschwierigkeiten geboten, daß beide durch Eisenbahnbrücken überspannt wurden, die in Mitteldeutschland die großartigsten Bauten ihrer Art sind. Bei Jocketa führt die Bahn über den 69 m hohen und 281 m langen Elsterthalviadukt, in der Nähe der Einmündung des Triebthales, wo die devonischen Schichten von Diabasdurchbrüchen durchsetzt sind. Hier, wie im »Steinicht« genannten benachbarten Thalstück der Elster, rauschen die Wasser über Felsblöcke, begrenzt von grünen teilweis bewaldeten Uferwänden; dieses hübsche Stück Landschaft wird mit dem volltönenden Namen »Vogtländische Schweiz« bezeichnet. In der Nähe der sächsischen Stadt Mylau (7400 Einw.) schwingt sich der 74 m hohe, 512 m lange Göltzschthalviadukt über die Thalenge, in den Jahren 1845 bis 1850 für 7 Millionen Mark erbaut.
Abb. 32. Greiz.
Gera.
Unweit der Einmündung der Göltzsch (ein echt slavischer Name!) in die Elster liegt in grünem Thale, das durch einen anmutigen Park verschönt wird, die Hauptstadt des Fürstentums Reuß ältere Linie, Greiz (22200 Einw.), zu Füßen des baumumkränzten Schloßberges ([Abb. 32]). Hier erhebt sich die alte obergreizische Residenz, einst der Sitz der Vögte des »Vogtlandes«, jetzt das Heim der Behörden; im XIII. Jahrhundert zuerst erwähnt, brannte sie im XVI. Jahrhundert ab und wurde erneuert. Greiz war mit Gera schon im XVIII. Jahrhundert Mittelpunkt der Wollindustrie und ist heute Hauptplatz für die deutsche Kammgarnweberei. Die Textilindustrie beschäftigt hier 10850 Arbeiter und 12000 mechanische Webstühle. Nördlich ist Greiz von Wald umgeben, in dem beim Idawaldhause eine vereinzelte Muschelkalkscholle geologisch belangreich ist. Der Nullpunkt des Elsterpegels liegt bei Greiz 254 m über dem Meere. Am Krebsbache liegt die östlichste weimarische Enklave mit dem Orte Teichwolframsdorf (1900 Einw.). Östlich von Greiz breitet sich das gewerbthätige Dorf Pohlitz (3450 Einw.) aus.
Abb. 33. Gera.
Elsterabwärts liegt das kleine weimarische Städtchen Berga (1400 Einw.) mit dem an Stelle der alten gegen die Sorben errichteten Burg Drifels erbauten Gut Schloßberga. Etwa bei der Mündung der Weida verläßt die Elster das Gebiet des Schiefers und zieht nunmehr in breitem, freundlichem Grunde weiter nordwärts über Gera, Köstritz und Krossen. Zwischen Krossen und Zeitz zweigt links der Floßgraben ab, ein für Zwecke des Holzflößens angelegter 68 km langer Kanal, der sich nordwestlich wendet und an Lützen vorüber Saale und Luppe erreicht. Seinem ehemaligen Zwecke ist er längst entfremdet und heute nur noch ein elender Graben, der nur durch die Schlachten von Lützen und Großgörschen wieder genannt wurde. Bei Zeitz tritt die Elster in die Sächsisch-Thüringische Tieflandsbucht ein, durchfließt eine breite Wiesenaue, die oft von Wald abwechslungsreich unterbrochen wird, in viele Arme geteilt bis Leipzig, wo sie rechtwinklig nach Westen umbiegt und dann unterhalb Merseburg in die Saale mündet, nur noch 83 m über dem Meere.
Köstritz.
Die weichen Thalränder sind meist von Buntsandstein gebildet, östlich von Gera treten aber auch noch devonische Schichten und ausgelagerter Zechstein in die Erscheinung. Gera (43500 Einw.) ist die Hauptstadt des Fürstentums Reuß jüngere Linie und war ehemals (wie auch Leipzig) eine wendische Ortsgründung, zuerst im XII. Jahrhundert genannt. Im dreißigjährigen Kriege fast zur Hälfte in Asche gelegt, auch Ende des XVIII. Jahrhunderts durch Brand fast völlig zerstört, hat sich die Stadt kraftvoll entwickelt und ist mit ihren vielen Fabriken, deren Schornsteine der Stadt einen nicht gerade malerischen Charakter geben, zu einem »Klein-Leipzig« herangewachsen ([Abb. 33]). Seine gewerbliche Thätigkeit verdankt es den im XVI. Jahrhundert eingewanderten Niederländern, aber erst seit der Mitte des XIX. Jahrhunderts trat mit der Einführung des mechanischen Fabrikbetriebs und in besserer Verbindung mit dem Zwickauer Kohlenbecken ein fabelhafter Aufschwung ein, so daß jetzt etwa 12000 Arbeiter und 10000 mechanische Webstühle in Thätigkeit sind; der Jahresumsatz beläuft sich auf 60 Millionen Mark. Aus dem Buchengrün des Hainberges schimmert das Schloß Osterstein herüber (auf unserer Abbildung im Hintergrunde links), das im XVI. Jahrhundert von den Vögten in Gera umgebaut, 1666 erweitert und in der Neuzeit teilweis nach englischem Vorbilde erneuert wurde. Die für Reuß jüngere Linie so bedeutende Industriethätigkeit, der über 60 vom Hundert der Gesamtbevölkerung zugehört, ist auch Veranlassung zu dem schnellen Wachstum der benachbarten Dörfer geworden, so daß dicht vor den Thoren Geras volksreiche Gemeinwesen entstanden, die Vororte Untermhaus (3950 Einw.) und Debschwitz (5600 Einw.), weiter südlich die Dörfer Pforten (2200 Einw.) und Zwötzen (3500 Einw.). Flußabwärts liegt das Brauereidorf Tinz (850 Einw.), der Flecken Langenberg (2500 Einw.) mit Weberei und der benachbarten Saline Heinrichshall, deren Salzquelle dem Zechstein angehört. Gegenüber am linken Elsterufer liegt halb in Gärten versteckt der Badeort Köstritz (2200 Einw.) mit Sol- und Sandbädern. Die hoch entwickelte Gärtnerei ist besonders wichtig für Rosen- und Georginenzucht, sowie Obstanlagen, weshalb für Landwirte und Gärtner auch eine Lehranstalt besteht. Als Pfarrer lebte hier in seinem Geburtsort der Dichter Julius Sturm; das parkumgebene Schloß ist Residenz der nicht souveränen Nebenlinie Reuß-Schleiz-Köstritz. Vom preußischen Flecken Krossen (1000 Einw.), auf dessen Buntsandsteinhöhen das gräflich Flemmingsche Schloß thront, führt eine Zweigbahn hinaus nach Eisenberg.