Abb. 61. Das Landgrafenzimmer.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Inselsberg.

Wo die Straße von Tambach nach Schmalkalden den Gebirgskamm überschreitet, ist eine Einsattelung von etwa 700 m Höhe vorhanden, jenseits deren der nordwestlichste Teil des Thüringerwalds beginnt, der niedriger ist als der mittlere Teil und eine um 200 m geringere mittlere Kammhöhe besitzt, nur 610 m. Dieser Schlußteil mißt vom Nesselbergsattel bis zum Eichelberg bei Hörschel 46 km. Auf einem Seitenaste erhebt sich der Zug der Hühnberge östlich von Schmalkalden zu einer selbständigen Gruppe, deren höchster Gipfel zu 837 m ansteigt. Weiterhin sind die höchsten Erhebungen auf dem Kamm selbst oder in seiner nächsten Nähe vorhanden, der Spießberg, 737 m, der große Jagdberg, 838 m, und vor allem der schöne Inselsberg, 915 m (genau 915,58) hoch. Sein bewaldeter Kegel hebt sich aus dem immer niedriger und schmaler werdenden Kamme auffallend heraus ([Abb. 49]), obwohl ihm auf beiden Seiten des Gebirges eine reiche Zahl von nur 200 m niedrigeren Bergen vorgelagert sind. Sein Porphyrhaupt ragt aus dem archäischen Gneis seiner südlichen Umgebung und aus den Konglomeraten, Sandsteinen und Schieferthonen des Rotliegenden hervor. Der Name Inselsberg oder Inselberg ist eigentlich eine falsche Benennung und entstand aus Enselberg oder Emselberg (Emsenberc) nach der an seiner Nordwestflanke entspringenden Emse. Der Berg ist wegen seiner freien Lage ein von ungefähr 50000 Menschen jährlich besuchter Aussichtspunkt und ist ausgezeichnet durch die Schönheit der Rundsicht, die man von seinen zwei Aussichtstürmen genießt. Der Blick schweift hinaus über das Dunkelgrün seiner Fichten- und Buchenwälder und die engen Thäler des Vordergrundes bis zu den Fruchtfeldern des Thüringischen Beckens und zum Harz, östlich bis zu den Saalbergen, südlich bis zu den fränkischen Höhen und der Rhön, westlich bis zum hessischen Berglande.

Friedrichroda.

Schöne Thalgründe führen von der Kammhöhe nach Nordosten hinab, vom Spießberge die Quellbäche der Leina, wie der Oberlauf der Hörsel hier genannt wird, die dann in der Nähe von Schönau aus dem Porphyrgebirge in das Gebiet des Buntsandsteins und Muschelkalks eintritt. Auf der Höhe westlich der Leina liegt das Dorf Finsterbergen (1100 Einw.), früher eines der einsamsten Dörfer des Waldes, heute ein Ort für sommerliche Luftschnapper. Vom kleinen Jagdberg rinnt das Schilfwasser hinunter ins kühle Thal, an dessen Austritt aus dem Hauptgebirge an der Gesteinsgrenze Friedrichroda (4250 Einw.) in grüner Thalmulde ausgebreitet ist, rings von buchen-, fichten- und tannenbestandenen Höhen umrahmt ([Abb. 50]). Der Ort wurde 1039 von Ludwig mit dem Barte gegründet, erhielt aber erst 1597 vom Kaiser Rudolf II. Stadtrechte. Im dreißigjährigen Kriege gingen zwei Drittel der Stadt zu Grunde, aber der stille Ort erholte sich immer wieder, wozu bis ins erste Viertel des XIX. Jahrhunderts die Weberei und Bleicherei von Leinengarn erheblich beitrug, wofür an die herzogliche Kammer ein Zwirnzoll und Bleichzoll gezahlt wurden. Von hier aus wurden mit gebleichten Garnen jene Gegenden versorgt, wo Weberei vorherrschend war, das südöstliche Thüringen und die Rhön. Mit der Verbreitung des Baumwollgewebes erlitt die Leinenbleicherei bedeutende Einbuße. Es wurde auch Bergbau getrieben, der aber nie sehr bedeutend war; der Eisenstein wurde im Schmelzwerk Luisenthal bei Ohrdruf verhüttet. Die letzten Versuche wurden 1858 aufgegeben. Den größten Reichtum brachten der Stadt aber Luft und Sonne, die Heilkraft des Waldodems, die Reinheit seines Wassers, so daß jetzt die gothaische Stadt Friedrichroda jährlich von mehr als 10000 Personen besucht wird und dadurch die besuchteste Sommerfrische Thüringens ist.

Reinhardsbrunn.

Im Gipse des Zechsteins ist die kleine Marienglashöhle durch einen kurzen Stollen zugänglich. Nur wenige Steinreste zeugen noch von der alten Schauenburg, dem Stammschlosse der thüringisch-sächsischen Fürstenhäuser, die von ihrem Gründer Ludwig mit dem Barte 1045 bezogen wurde. Südlich wird Friedrichroda überragt vom schönen Waldkegel des Gottlob, einem Vorberge des 608 m hohen Körnbergs. Westlich erhebt sich der 697 m hohe Abtsberg, wie die vorhin genannten bestehend aus Rotliegendem mit Porphyr- und Melaphyreinlagerungen. Der Abtsberg steht durch einen anmutigen wiesengeschmückten Sattel, Jägersruh oder Tanzbuche benannt, mit dem Gebirgskamm in Verbindung. Vom Kühlen Thal windet sich die Straße empor zum Heubergshaus (690 m), wo sie den Rennsteig kreuzt und dann südwärts nach Schmalkalden zieht. In der Nähe Friedrichrodas, schon im Gebiete des Buntsandsteins, liegt das gothaische Lustschloß Reinhardsbrunn ([Abb. 51]), inmitten herrlicher Wald- und Gartenanlagen. Im Jahre 1088 wurde der Grund zur stattlichen Benediktinerabtei Reinhardsbrunn gelegt, die in acht Jahren vollendet wurde. Die dauernde Gunst des Gründers, Ludwig des Springers, und der nach ihm folgenden Landgrafen von Thüringen ließ das Kloster immer stolzer emporblühen, so daß im XIII. Jahrhundert 142 Ortschaften entweder dem Kloster gehörten oder ihm zinspflichtig waren. Das Kloster erlag 1525 den Stürmen des Bauernkrieges und wurde mit fast allen seinen Schätzen verbrannt. Die Klostergüter wurden später eingezogen und Reinhardsbrunn in ein fürstliches Amt verwandelt. Auf den Grundmauern des 1607 erbauten hohen Hauses oder Schlosses erhob sich das heutige seit 1828 in englisch-mittelalterlichem Geschmacke in prächtiger Weise aufgeführte Schloß, das durch die lieblichen Garten- und Teichanlagen um so schöner wirkt.

Tabarz. Cabarz. Winterstein.

Die Wässer des Wilden Grabens und der Strenge rauschen vereinigt im Felsenthale unterhalb der Porphyrzacken, die malerisch aus dem Fichtenwald hervorragen, und münden dann in die Laucha. Beim Austritt der Laucha aus dem Gebirge schimmern mit ihren roten Dächern auf grünem Wiesenplane die Dörfer Tabarz und Cabarz (jedes mit 1100 Einw.). Die beiden anmutigen Orte sind beliebte von dunklem Wald umgebene Sommerfrischen, wo noch kein Lokomotivenpfiff die herrschende Ruhe stört. Der Wald bietet das Arbeitsfeld des Zapfensteigers; im Herbst holen die Sammler die Samenkapseln von den höchsten Nadelbäumen, das Material für einen schwunghaften Handel mit Holzsamen. Im Buchenschatten des Emsethals liegt das unregelmäßig gebaute Dorf Winterstein (800 Einw.), fast eine halbe Stunde im Thalgrunde sich hinziehend, während einzelne seiner Hütten hoch an den Bergwänden verstreut sind. Vom Thalgrunde führt ein schmaler Pfad auf den mit einem Pürschhäuschen besetzten Porphyrgipfel des Drehberges (755 m), der zwar nicht auf dem Hauptkamm liegt, aber doch einen der hübschesten Ausblicke zwischen Inselsberg und Wartburg gewährt, besonders nach Süden ins Werrathal bis zu den blauen Höhen der Rhön.