Abb. 66. Das Rosenwunder.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)
Thal. Wilhelmsthal.
Von Ruhla führt eine Zweigbahn thalabwärts, um sich in Wutha mit der Hauptlinie zu vereinen. In frischen Wiesen eingebettet liegt an der Einmündung eines Seitenbaches das gothaische Dörfchen Thal (600 Einw.), gleich Ruhla als Sommerfrische besucht. Hier weitet sich das Thal zu einer freundlichen von Buchen- und Fichtenwäldern umwölbten Landschaft. An Stelle der alten aus dem XI. Jahrhundert stammenden Burg Scharfenburg ragt nur noch ein häßlicher Aussichtsturm empor, der den zierlichen Namen Löthtopf führt. An der andern Bachseite stand einst ein Bettelmönchkloster Heiligenstein, dessen Name heute erinnerungsvoll von einem Wirtshause geführt wird. Im Zechsteingebiete von Kittelsthal bricht man ein Gestein, das zu künstlichen Alabasterwaren verarbeitet wird. In der Nähe des Rennsteigs bietet der 575 m hohe Wachstein einen dankbaren Aussichtspunkt. Im grünen Grunde des Eltethales schimmert mit seinem kleinen See das weiße Schloß Wilhelmsthal, die Sommerfrische des Großherzogs von Weimar, einst schon von Goethe besucht. Die nach Eisenach führende Straße gewinnt die Höhe des Gebirges und kreuzt den Rennsteig bei dem ehemaligen Jagdschlößchen, jetzigen Wirtshause zur Hohen Sonne, 442 m hoch, bekannt wegen des schönen Durchblickes nach der Wartburg ([Abb. 53]), die wie ein von Fichten umrahmtes Bild erscheint. Hier zog auch die alte Weinstraße hinüber ins Hörselthal, eine alte Handelsstraße, auf der von Franken her die geistlichen Besitzungen nördlich des Thüringerwalds mit dem nötigen Rebensaft versorgt wurden.
Eisenach.
Westlich von der nach Eisenach führenden Straße ist das Annathal ([Abb. 54]) eingeschluchtet, eingefaßt von feuchten moosgrünen Felsen, durchrauscht von einem Bächlein und gemieden vom Sonnenlicht, das die Buchenwipfel hier nicht zu durchdringen vermag. Die weitere nördliche Fortsetzung der anmutigen Thalbildung heißt Marienthal, von wo die felsige Landgrafenschlucht zum Drachenstein aufwärts führt, während im Marienthal schon eine große Zahl hübscher freundlicher Landhäuser entstanden sind, die südlichsten Vorposten der alten Stadt Eisenach. Am Fuße der Wartburg leuchtet aus seiner grünen Umgebung das ehemalige Landhaus Fritz Reuters ([Abb. 55]), der hier 1874 starb. Die Stadt Eisenach (24400 Einw.) liegt an der Gesteinsgrenze und bezeichnet den Eintrittspunkt des von Hessen kommenden Straßenzuges nach Thüringen. Die frühere Stadt (Isnacha oder Ysenacha = Eisenwasser) lag weiter östlich und ging 1070 durch Brand zu Grunde. Die jetzige Stadt ([Abb. 56]) wurde unter dem Schutze der Wartburg von Ludwig dem Springer neu erbaut und war namentlich zur Zeit der auf der Wartburg wohnenden Landgrafen ansehnlich geworden, besonders im XII. und XIII. Jahrhundert. Von 1587 bis 1741 hatte sie aus einem Zweig der Nachkommenschaft des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen ihre eigenen Herzöge, nach deren Aussterben sie an Weimar fiel. Die schöne Umgebung bildet jedoch den größten Anziehungspunkt, weshalb die Stadt der Mittelpunkt eines regen Fremdenverkehrs geworden ist. Einen Überblick über Eisenach mit der Wartburg gewinnt man von dem nördlich gelegenen Wartenberg (im Volksmunde verderbt zu Wadenberg), wo das turmartige Gebäude des deutschen Burschenschaftsdenkmals zur Höhe strebt.
Wartburg.
Der Glanzpunkt Eisenachs ist aber die herrliche Wartburg ([Abb. 57]), 394 m über dem Meer, 174 m über Eisenach gelegen. Sie ist eine der schönsten Burgen Deutschlands, umkränzt von Geschichte und sinniger Sage und ein treues Spiegelbild altvergangener Zeit, auch in Bezug auf Kultur- und Volksentwickelung. Ihr Grundriß gibt einen lehrreichen Aufschluß über die Einrichtung einer alten Adelsburg, wenn auch in der Ausstattung der einzelnen Bauten weit darüber hinausgegangen war. Durch ein markiges Thorgewölbe betreten wir die Vorburg, zunächst den außerordentlich malerischen ersten Burghof ([Abb. 58] und [59]), der umschlossen wird vom Thorturm nebst Zugbrücke, den zinnengekrönten Mauergängen und dem Ritterhause. Im Obergeschoß des Ritterhauses befindet sich das Lutherstübchen ([Abb. 60]), wo Luther die Bibelübersetzung begann. Das war die »Einsiedelei« oder »seine Insel Patmos«, wo er als Junker Jörg vom Mai 1521 an ein Jahr lang in freiwilliger Gefangenschaft lebte und das Tintenfaß an die Wand warf, um die Anfechtungen des Teufels abzuwehren. Das Stübchen ist in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten worden und enthält viele Gegenstände mit Erinnerungen an Luther. Durch eine zweite Thorhalle betreten wir die Hofburg, die aus der Dirnitz (heizbares Wohnhaus, das jetzt den Rüst- und Waffensaal beherbergt), der Kemenate, dem Bergfried und dem Prachtbau des Landgrafenhauses besteht. Die Kemenate (von caminata, mit Kamin versehener heizbarer Raum) war die Wohnung der Burgfrau und ihrer näheren Bedienung, unter denen die bevorzugten Frauen, die am erwärmten Raume der Herrin teilnehmen durften, Frauenzimmer genannt wurden. An die Kemenate angebaut ist der Bergfried, der 52 m hohe mit einem Kreuz gekrönte Turm. Das schönste Gebäude der Hofburg ist das Landgrafenhaus (auch Palas, von palatium, also mit Pfalz und Palast eines Ursprungs), mit dem Landgrafenzimmer ([Abb. 61]) und dem berühmten Sängersaal mit der erhöhten Laube, wo die Meistersinger ihre Wettlieder sangen ([Abb. 62]), alles in freundlichen Farben schimmernd. Die Pläne zur Wiederherstellung der herrlichen Burg entwarf Prof. Ritgen, und die malerische Ausschmückung der Räume hat in Moritz von Schwind ihren Meister gefunden, der allen Märchenzauber mit der Romantik der Burggeschichte verband, deren einzelne Abschnitte im Bilde festgehalten wurden. Ludwig der Springer, der Sohn Ludwigs mit dem Barte, der auf der Schauenburg saß und 1055 starb, kam auf einem fröhlichen Jagdzuge auf den Gipfel, den jetzt die Wartburg krönt, und war von der landschaftlichen Schönheit so entzückt, daß er ausrief: »Wart' Berg, du sollst mir eine Burg werden« ([Abb. 63]). Der Bau der Burg wurde 1067 begonnen und war schon nach zwei Jahren vollendet. Der Sohn Ludwig des Springers, Ludwig I., wurde vom Kaiser Lothar gefürstet und entfaltete dann auf der Wartburg auch mehr äußeren Glanz. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig II. (1140–1172) wurde »der Eiserne« genannt. Die Sage erzählt von ihm, er sei auf der Jagd ermüdet und unerkannt bei einem Schmied in Ruhla eingetreten und habe dort Nachtlager gefunden. Anderen Morgens sei der Landgraf durch das Hämmern des Schmiedes, der dabei rief: »Landgraf, werde hart« ([Abb. 64]), erwacht und erfuhr auf Befragen die Bedeutung dieser Worte. Die Edelleute konnten nach Gefallen im Lande walten und ließen sich vielfach Bedrückungen des Volkes zu schulden kommen, und gegenüber diesen Ausschreitungen sollte der Landgraf hart werden. Er wurde es, führte fortan eine strenge Regierung und wurde zum Liebling des Volkes, in Ruhla »hart geschmiedet«.
Abb. 67. Steinbach.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)