Von reicher Sage umrankt ist die Regierungszeit des Landgrafen Hermann I. (1190–1217), der als Fürst in der staatlichen Geschichte jener Zeit keine hervorragende Rolle spielte, der aber kunstliebend und freigebig war und die vornehmsten Dichter seiner Zeit zum Wettstreite einlud. Dieser Wettstreit, der 1207 stattgefunden haben soll, ist als der Sängerkrieg auf der Wartburg ([Abb. 65]) bis auf die heutigen Tage verherrlicht worden. Toll muß die Stimmung jener Zeit gewesen sein, denn Walther von der Vogelweide sang:
Wer in den Ohren siech ist oder krank im Haupt,
Der meide ja Thüringens Hof, wenn er mir glaubt:
Käm' er dahin, er würde ganz bethöret.
Zu den berühmtesten Sängern außer Walther zählten Wolfram von Eschenbach, Reinhard von Zwetzen, Heinrich der Schreiber, Bitterolf und Heinrich von Ofterdingen, während nach der Sage Tannhäuser auf dem Wege zur Wartburg den Lockungen der Frau Venus im Hörselberge erlag und einen dauernden Aufenthalt bei der schönen Verführerin den geistigen Anstrengungen auf der Wartburg vorzog. Zu diesen ritterlichen Übungen und dem Glanz des Minnedienstes kamen später die Sagen von der heiligen Elisabeth, der Gemahlin des Landgrafen Ludwig IV., der religiösen Schwärmerin und Büßerin, der Wohlthäterin der Armen und Bedrängten. Im Jahre 1226 wurde Thüringen von einer schweren Hungersnot heimgesucht, wobei die Landgräfin Elisabeth selbst Brot an die Armen verteilte. Einst hatte sie unter ihrem Mantel wieder einen Korb voll Nahrungsmittel, als der Landgraf ihr begegnete und sie mißtrauisch fragte, was sie unter ihrem Mantel verberge; und siehe da, auf das inbrünstige Gebet von Elisabeth verwandelte sich der Inhalt ihres Korbes in duftende Rosen ([Abb. 66]).
Abb. 68. Lutherdenkmal an der Lutherbuche.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Spätere Fürsten zogen andere Wohnsitze der Wartburg vor, die von 1406 an vereinsamte. Die Wogen des dreißigjährigen Krieges brandeten glücklicherweise nicht bis zur Wartburg, ebensowenig hatte das darauffolgende Reifrockjahrhundert mit seiner gesinnungslosen Franzosentümelei irgend einen Einfluß. Aber der Gedanke der deutschen Einheit flammte auf und förderte das erste große Burschenfest am 18. Oktober 1817, wo 500 Studenten zur Wartburg zogen am 300jährigen Jubeltage der Reformation. In alter Pracht erstand die Wartburg erst wieder durch den Kunstsinn des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. 1867 war die Erneuerung vollendet, und seither haben die herrlichen Räume zahlreichen fürstlichen Besuch gehabt, abgesehen von fröhlichen Wanderern und Weltbummlern, von denen man 300 auf einen Wartburgtag rechnet. Die Schönheit des Baues wird noch gehoben durch die Schönheit der landschaftlichen Umgebung, die niemals trefflicher besungen wurde, als durch Scheffels Worte:
Erspart bleibt fürder, willst du Schönheit schauen,
Die Pilgerfahrt nach welschem Land und Meer,
Wetteifernd mit dem besten fremder Gauen
Prangt hier ein Kleinod, kunstdurchglänzt und hehr:
Gleich einem jener Marmorprachtpaläste,
Erstiegen aus Venedigs Meeresschoß,
Hebt sich Thüringens jungfräuliche Feste
Auf deutschem Berge säulenschlank und groß;
Statt Salzflutwogen rauscht um ihre Mauern
Der Eichen und der Buchen flüsternd Schauern.
Bei Hörschel an der Mündung der Hörsel in die Werra erreicht die Schlußerhebung des Thüringerwaldes, der Sandsteinkopf des großen Eichelberges, nur noch eine Höhe von 301 m.