Abb. 69. Luthers Gefangennahme.
(Nach einer Radierung, etwa vom Anfang des XVII. Jahrhunderts, im Besitz des Reichspostmuseums zu Berlin.)

Schweina. Steinbach.

Östlich vom Gneiskegel des 648 m hohen Kissel ist der Schweinagrund tief eingeschluchtet. Sein Wasser tritt beim meiningischen Flecken Schweina aus dem Gebirge und fließt bei Barchfeld in die Werra. Schweina (2200 Einw.), der Hauptort des Schweinathales, war im XV. und XVI. Jahrhundert der Wohnort slavischer Bergleute, die auf Kupfer und Eisen schürften. Der Ort ist heute neben dem Betrieb von Ackerbau und Viehzucht industriell thätig, das Schloß Glücksbrunn, ehemals ein Kobaltwerk, ist jetzt eine Wollspinnerei. In dem südlich von Schweina gelegenen Gute Marienthal gründete Fröbel den ersten »Kindergarten«. Gelegentlich eines Straßenbaues wurde 1799 beim Sprengen des zur Zechsteinformation gehörigen ungeschichteten Dolomitgesteins eine Höhle entdeckt, die 200 m lang und durch einen künstlichen Stollen zugänglich ist. Ein Teil des Höhlengrundes ist von einem kleinen Teich bedeckt. Am Zusammenflusse des Calmbachs und des aus dem Schleifgrunde kommenden Steinbachs liegt der meiningische Flecken Steinbach (1400 Einw.), ein freundlicher Ort mit Fachwerkhäusern ([Abb. 67]). Steinbach ist Haupterzeugungsort für Messer aller Art und Schlösser, deren Rohmaterial zum Teil aus dem benachbarten metallreichen Granitgebiete gewonnen wird. Nördlich vom Mühlberg steht eine Sandsteinsäule, errichtet vom Herzog Bernhard von Meiningen 1858 und dem Andenken Luthers geweiht, welcher auf dem Wege von Worms hier gefangen genommen und auf die Wartburg gebracht wurde ([Abb. 68] und [69]). Eine Inschrift lautet: »Hier wurde Dr. Martin Luther am 4. Mai 1521 auf Befehl Friedrichs des Weisen, Kurfürsten von Sachsen, aufgehoben und nach dem Schlosse Wartburg geführt.« Luther hatte nach dem Reichstage zu Worms Möhra, die Heimat seiner Eltern, besucht und wollte eben nach Wittenberg zurückkehren. In Begleitung seines Bruders Jakob und eines Freundes rastete er unter einer Buche, als er auf Veranlassung seines hohen Beschützers, der den Geächteten seinen Feinden entreißen wollte, aufgehoben und heimlich auf die Wartburg gebracht wurde, wo er verborgen als Junker Jörg lebte. Die Buche ist längst zu Grunde gegangen, ihre Reste sind auf der Wartburg aufbewahrt und an ihre Stelle ist ein junger Baum gepflanzt worden. Herrliche Buchen wölben sich die Höhe hinauf, besonders auf den Granittrümmern des 728 m hohen Gerbersteines.

Abb. 70. Schloß Altenstein.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Altenstein. Liebenstein.

Auf der Dolomitplatte zwischen Schweina und Steinbach leuchten aus grüner Umgebung das Schloß Altenstein ([Abb. 70]), der Sommeraufenthalt des Herzogs von Meiningen, ein stattlicher Neubau an Stelle des früheren einfachen Landhauses. Prächtige Gartenanlagen, von alten Laubbäumen beschattete Wiesen, Felsenkanzeln und sanft geböschte Mulden, alles eint sich hier zu einer Meisterlandschaft, in deren Hintergrunde sich der Hauptkamm des Waldgebirges aufbaut. Der Ausblick nach Süden erfaßt in freundliches Hügelgelände eingebettete Ortschaften, Gärten und Ackerfluren, drüben über der Thalmulde der Werra steigen in blauem Dufte die Vorberge der Rhön empor. Auf der Kammhöhe am Großen Weißenberge steht der Dreiherrenstein, wo die Grenzen preußischen (ehemals hessischen), meiningischen und gothaischen Gebiets zusammenstoßen. Nach Bairoda hinab führt das schöne buchenumrauschte Thüringer Thal, im XIV. und XV. Jahrhunderte belebt vom Bergbau auf Eisenstein. Östlich des Thales läuft ein Rennweg genannter Zweig des Rennsteigs, der besondere Wichtigkeit hat, weil er hier die Grenze zwischen der thüringischen und fränkischen Mundart bildet. In einer flachen Mulde zwischen Thüringer Thal und Grumbachthal, umgeben von anmutiger Landschaft, liegt Bad Liebenstein (1300 Einw.), dessen Landhäuser weit zerstreut sind ([Abb. 71]). Es hat kohlensäurehaltige Eisenquellen und ist der älteste Kurort des Thüringerwaldes. Der Ort ist überragt von der Ruine Liebenstein, die seit dem XVII. Jahrhundert verfällt.

Brotterode.

Südwärts rinnt vom Inselsberg das Inselswasser in den Kessel von Brotterode. Das preußische Dorf Brotterode(2800 Einw.) ist seit der letzten großen Feuersbrunst von 1895 langsam wieder emporgewachsen. Die ursprüngliche Art und Lebensweise der Bewohner deutet auf eine unverkennbare Verwandtschaft mit den Bewohnern von Ruhla und Steinbach; lebensfroh, rauflustig, fleißig und gewandt im Verkehr sind sie alle. Brotterode ist der Ort der Feuerarbeiter: Schnallenschmiede, Sporer, Messermacher und andere Eisen- und Stahlarbeiter. Wer nicht selbständig im eigenen Häuschen, wo meist die vordere Hälfte der Stube als Schmiedewerkstatt eingerichtet ist, während die durch einen Vorhang abgetrennte hintere Hälfte als Schlafraum dient, thätig ist, der findet Beschäftigung bei den alt angesessenen Meistern. Der Vertrieb der in Brotterode und den Nebenorten gefertigten Stahl- und Eisenwaren ruht seit langem in den Händen von Kaufleuten, deren Söhne je für ein bestimmtes Absatzgebiet in Deutschland, Österreich, Rußland, den Niederlanden u. s. w. herangebildet werden. Der Sage nach schenkte Karl V. dem Orte große Waldungen und Äcker, durch deren Erträge die vollständige Besoldung der Gemeindebeamten bestritten werden konnte, und eine Fahne, die alljährlich zur Kirchweih ausgehängt wird. Flußabwärts verengt sich der Wiesengrund des Thales, an dessen Wänden sich Granitfelsen malerisch aufbauen, und es beginnt das Trusenthal, das seinen schönsten Teil oberhalb der Ortschaft Herges-Vogtei hat, dessen Bewohner mit denen des benachbarten Auwallenburg meist Bergleute sind, die auf Eisenstein, Alabaster und Schwerspat arbeiten. Über Felsblöcke rauscht der Trusenfall herab, der sein Wasser einer künstlich hergestellten Leitung verdankt, die unterhalb Brotterode vom Inselswasser abgezweigt wurde. Über Auwallenburg stehen die Ruinen der alten aus dem XIII. Jahrhundert stammenden Wallenburg, deren Bestandteile zum Teil von baulustigen Nachbarn weggeschleppt wurden.