Das Gebirge ist in seiner ganzen Ausdehnung reich bewaldet und verdient deshalb den Namen »Wald« vollauf. Früher wurde der Bestand einzelner Gegenden stark gelichtet, da das Holz als Brennmaterial für Verhüttung der Erze diente. Trotzdem sind von der Gesamtfläche des Gebirges noch 74 vom Hundert mit Wald bestanden, wovon fast ¾ Staatswaldungen sind, was für die Erhaltung und Pflege der oft herrlichen Bestände von großer Wichtigkeit ist. Dabei durchkreuzen zahlreiche gute Wege die großen Wälder, daß man nicht mit Unrecht von Thüringen als dem »Garten Deutschlands« spricht. Der Charakterbaum des Waldes ist die Fichte, Tannen und Kiefern kommen seltener vor, letztere zumeist auf Sandsteinboden. Auch die höchsten Erhebungen des Gebirges reichen nicht über die Baumgrenze hinaus, Schneekopf und Beerberg sind bis zum Gipfel mit Nadelwald geschmückt, und auch auf dem freier gelegenen Inselsberg wachsen Buchen und Zwergkiefern. Im ganzen südöstlichen Thüringerwald und im Frankenwald überwiegen Nadelwälder, die für das Schiefergebirge bedeutsam sind. Die in niederen Gebieten vorkommenden Ahorne, Birken, Eschen und Linden reichen nicht weit in die Höhe, am weitesten noch die Eiche, die aber auch schon bei 550 m verschwindet. Von den geschlossene Bestände bildenden Laubbäumen geht die Buche am höchsten, erreicht jedoch in Höhen über 800 m keine volle Entwickelung. Im Holzbetrieb werden neuerdings fast gar keine Laubbäume nachgepflanzt, sondern Fichten, deren Holz sich schnell auswächst und um so schneller marktfähig wird. Buchenbestände kommen inselartig häufig vor, wo sie dann hellfarbig aus der dunklen Nadelwaldumgebung hervorleuchten, im Schwarzathal, im Schleusegrund, im Gerathal und anderwärts. Der nordwestliche Thüringerwald trägt auf Rotliegendem und Porphyr meist prächtige Buchenwälder, am Gebirgsfuße umsäumt vom Nadelwald, der auf dem Buntsandstein aus Kiefern besteht. Im Walde wachsen in großer Menge Heidelbeeren und Preißelbeeren, die eine wichtige Einnahmequelle für die ärmere Bevölkerung bilden, ebenso Pilze, und im Unterholz Weißdorn und Haselsträucher, auch schön gefiederte Farne. Belebt ist der Wald von zahlreichen Singvögeln; von wildem Geflügel sind Auer- und Birkhühner zu nennen. Rotwild und Wildschweine werden in den fürstlichen Wäldern gehegt.
Abb. 84. Fränkische Hausanlage.
(Nach A. Meitzen gezeichnet von E. Umbreit.)
XI.
Volkstum und Sprache.
Die Bewohner Thüringens bilden eine Art Stammeseinheit, verbunden durch eine fast tausendjährige Geschichte, durch Sitten und Gebräuche, Sagen und Lieder. Vorherrschend sind die Bewohner von Mittelgröße, körperlich am besten entwickelt in den Gebieten der Landwirtschaft, während hoch im Waldgebirge zwar die natürlichen Bedingungen die gleichen sind, aber durch das Vorwiegen der industriellen Thätigkeit stark beeinträchtigt werden. Abgesehen von örtlichen Sprachverschiedenheiten (z. B. Ruhla, Brotterode und Steinbach) wird nördlich des Gebirges meist die thüringische Mundart gesprochen, im größten Teil des Südens die fränkische (vgl. [S. 90]), im Osten des Osterländischen Stufenlandes fließt der Dialekt in das Meißnische hinüber, das im Königreich Sachsen vorherrschend ist. Aus dem thüringischen »Blümchen« wird in Franken ein »Blümle«, aus »Nalgen« (Nelken) ein »Nagele«, dabei haben viele Ortschaften noch ihre ganz besonderen Spracheigenheiten. Im Altenburgischen hat sich eine besondere Mundart ausgebildet. Im Norden greift das Thüringische am weitesten aus, dort zieht die Sprachgrenze ungefähr vom Eichsfeld bis zum Südharz und zur Saale. Nordwärts davon herrscht bereits das Niederdeutsche.
Abb. 85. Waltershausen.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Körperliche Verhältnisse der Bevölkerung.
Im allgemeinen ist der Thüringer fröhlichen Gemüts und geistig geweckt, in letzter Hinsicht überragt meist den Flachländer der Wäldler, soweit ihn der Schnapsgenuß nicht etwa heruntergebracht hat. Im Durchschnitt ist die Bevölkerung von mittlerer Größe und schmächtigen Formen. Das flache Land ist dabei begünstigt, während durch die ärmliche Lebensführung im Gebirge, besonders in Gebieten der Hausindustrie die körperliche Entwickelung sehr leidet. Dasselbe gilt in den meisten Fällen auch für das weibliche Geschlecht, das in der Kinderzeit noch frisch blüht, dann aber durch Arbeit, mangelhafte Ernährung und zu frühes Mutterwerden schnell altert. Begünstigt wird die geistige Regsamkeit durch die vielfältige Industrie, die ab und zu neue Dinge bringen muß, und der Verkehr mit Fremden, der im Gebirge naturgemäß bedeutender ist als in der Niederung. Auf dem Gebirge artet manchmal der Frohsinn in Leichtsinn und Genußsucht aus, der Grundzug bleibt aber auch hier fröhliche Genügsamkeit und Ehrlichkeit, so daß der Wanderer selbst in den ärmlichsten Waldgebieten nie von Bettlern belästigt wird.