Abb. 86. Schloß Tenneberg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Abb. 87. Gotha um 1550, nach dem gleichzeitigen Holzschnitt von Sebastian Münster.

Beim »Wäldler« wie beim »Ländler« — bei dem Gebirgsbewohner wie bei dem Bauer der Ebene — ist in kirchlichen Dingen trotz mancher Gleichgültigkeit bei der Mehrheit doch noch eine religiöse Gesinnung vorhanden, wenn sie auch in neuerer Zeit etwas verblaßt. Aber der Bauer ist durch seinen Beruf fast immer an seine Abhängigkeit von einer unsichtbaren höheren Macht erinnert, die sich ihm fühlbarer macht als etwa dem Fabrikarbeiter der Stadt. Allen Freuden und Leiden gegenüber bleibt der Bauer gelassen, gemäß dem alten thüringischen Sprichwort: »Duck' dich und laß vorübergahn, das Wetter will sein'n Fortgang ha'n«, und dadurch entgeht er oft allem Spott und aller Schadenfreude. Ein Rest von Aberglauben ist da und dort noch vorhanden; für das abergläubische Thun braucht der Bauer den Gesamtnamen »Sympathie«, und das »Büßen« und »Versprechen« wird noch viel geübt.

Abb. 88. Gotha, vom Berggarten aus gesehen.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Geistige Verhältnisse der Bevölkerung.

Der Schulunterricht wird überall schon deswegen geschätzt, weil der Gebildete im Leben besser sein Fortkommen findet. Beim Landvolk ist der eheliche Friede meist bewahrt, wenn auch häufig die Neigung nicht als Ehestifterin gilt, und trotzdem »raucht es in allen Küchen«. Die Frau ist auf dem flachen Lande vielfach durch Lebhaftigkeit und Entschiedenheit dem gleichgültigeren Manne geistig überlegen. In der Mehrzahl der Landdörfer herrscht jetzt ein fortschreitender Geschäftsbetrieb in Bezug auf Ackerbau und Viehzucht. Mit dem Wachsen der Wohlhabenheit wird auch hier der Sinn für das Schöne geweckt, leider nicht durch Wiederaufnahme des Alten, sondern mit Nachahmung von städtischer Kunst, oft mit einem Anflug von Lächerlichkeit. Für Witz und Spott ist der Bauer im hohen Grade empfänglich, auch zeigt er im Verkehr mit anderen Leuten gefällige und liebenswürdige Seiten. Viele der im Gebrauch befindlichen Sprichwörter und Redensarten beschränken sich nicht auf Thüringen, sondern sind in ganz Mitteldeutschland und östlich bis weit nach Schlesien hinein nachweisbar. Es fehlen aber auch die Schattenseiten nicht: Geiz und Habsucht einen sich oft mit der Lust am Horchen und Klatschen und mit der in Handelsangelegenheiten häufig angewandten Übervorteilung, deren Wurzel in der sog. Bauernpfiffigkeit beruht. Bei Unglück und Not kommt aber der gute Kern wieder zum Vorschein, da heißt es Hilfe schaffen und sich gegenseitig unterstützen, was gern und ausgiebig gethan wird.