Abb. 89. Gustav Freytags Landhaus in Siebleben.

Sitten und Gebräuche.

Bezeichnend für die thüringische Auffassung ist die Zusammenstellung von Kirche und Schenke, Gottesdienst und Wirtshausbesuch, Andacht und Tanzbelustigung, die hier keine Gegensätze bilden, sondern ein Feiern im Sinne des Ruhens von der Arbeit. Infolgedessen ist es selbstverständlich, daß Konzert, Bratwurstessen und Tanzvergnügen zu jedem kirchlichen Gelegenheitsfest die Ergänzung bilden. Die vier Dinge: Bier, Wurst, Musik und Tanz dürfen bei keinem Feste fehlen. Für die Städte sind die Schützenfeste, hier Vogelschießen benannt, stets eine Reihe von lustigen Tagen. An manchen Plätzen haben sich Ortsfeste herausgebildet, so die Brunnenfeste in verschiedenen Badeorten, das Kirschenfest in Naumburg, dessen Beziehung zu den Hussiten nur Sage ist, da es erst seit 1450 als Sommerfest gefeiert wird. Für die Dörfer sind die Ortsjahrmärkte, vor allem aber die Kirchweih oder die Kirmeß (Kirmse) der Inbegriff alles Vergnügens, im Altenburgischen mit dem lieblichen Namen »Landfressen« bezeichnet. Kirchweih und Fastnacht werden oft drei Tage hintereinander gefeiert. Ähnlich ist es bei den Hochzeitsfeiern, bei denen städtische Äußerlichkeiten viel gelten. Vor dem Hochzeitshause ist dann eine Ehrenpforte errichtet. Zieht die Braut aus ihrem Dorfe hinweg, so thront sie mit Spinnrad und Rocken hoch oben auf den mit Hausrat, besonders Betten, gefüllten und von geschmückten Pferden gezogenen Wagen. Bei der Ausfahrt aus dem Dorfe sowie bei der Einfahrt in die fremden Dörfer oder Fluren wird sie durch ein vorgehaltenes Seil gehemmt und muß sich mit klingender Münze auslösen. Diese Sitte besteht jedoch auch in manchen Gegenden Schlesiens und wird überhaupt vielfach gegen Fremde angewendet, z. B. bei der Besichtigung von Neubauten. Bei Todesfällen und noch mehr bei Leichenbegängnissen hört man lautes Wehklagen, das gewissen Gewohnheiten folgt. Aber auch bei wirklichem Schmerz um einen Toten vergißt sich der Bauer des Flachlandes niemals selbst, um bei Erbschaften seinen Vorteil wahrzunehmen.

Die Liebe zur Natur offenbart sich in vielen Gebräuchen, und an Sonn- und Festtagen wandert der Thalbewohner hinauf zur Höhe. Am Pfingstfeste werden häufig Maien (grüne Waldbäume) errichtet, im mittleren und nordwestlichen Thüringerwald werden dann die Brunnen bekränzt und mit buntem Papierflitter ausgeputzt; später im Jahre werden Johannis- und Oktoberfeuer entzündet. Bis hoch ins Gebirge hinauf sind die Fenstersimse der Häuser mit Blumen geschmückt, die in Töpfen gezogen werden, besonders beliebt sind Aurikeln, Nelken und Rosmarin. Auch der ärmste Mann hat gefangene Vögel in kleinen Holzbauern neben seinen Fenstern aufgehängt: Stieglitze, Zeisige, Hänflinge, Finken und Kreuzschnäbel.

Abb. 90. Ohrdruf.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Nahrung, Sagen und Volkstrachten.

So manche Festbräuche klingen an längst vergangene Zeiten an. Es ist wohl etwas weit gegangen, die Schlachtschüsselmahlzeiten (»Schlachtfeste«) des Winters mit dem Julfest in Verbindung zu bringen, wo der Hertha das wilde Schwein als Opfertier gewidmet wurde. Beim beginnenden Frühling, also zum Osterfest, das an das alte Feste der Ostara, der Göttin des neu strahlenden Lichtes, anknüpft, werden deshalb hie und da Osterfeuer entzündet. An den Ostarakult erinnern die Namen mancher Höhen als Osterstein und der Gebrauch des Osterwassers. Im ehemaligen slavischen Wohngebiete erinnerte an das altgermanische Frühlingstotenfest das Lied:

Wir alle, wir alle kommen 'raus
und tragen heute den Tod hinaus,
Komm' Frühling, wieder mit ins Dorf,
Willkommen, lieber Frühling.

Auch der Inhalt dieser Reime ist weit bis nach Schlesien hinüber bekannt gewesen, wo noch vor vier Jahrzehnten, unter dem Gesange eines ähnlichen Liedes eine Strohpuppe im Umzuge geprügelt und dann in den Fluß geworfen wurde (das sog. Todaustreiben).