Die Nahrung ist nach den verschiedenen Abstufungen von der Wohlhabenheit bis zur dürftigsten Armut eine sehr verschiedene. Der Flachländer ist vor dem Gebirgsbewohner auch hier wieder sehr bevorzugt, da im Gebirge auf dem Küchenzettel die Kartoffel den ersten Rang einnimmt. Für viele Industrieplätze gilt der Satz:
Kartoffeln in der Früh,
Zum Mittag in der Brüh,
Des Abends mitsamt dem Kleid,
Kartoffeln in Ewigkeit.
Da gibt es höchstens des Sonntags einmal Fleisch, niemals dürfen auf dem Sonntagstische aber die Klöße (Hütes) fehlen, aus rohen Kartoffeln bereitet. Predigt nun der Geistliche im Vormittagsgottesdienst zu lange, so daß die Frauen zur Bereitung der Speisen zu spät nach Hause kommen, dann nennt man ihn wohl auch »Kloßverderber«. Die bei Festlichkeiten unentbehrliche Wurst wird auf dem Rost gebraten. Am Martinstage steht der Gänsebraten in hohen Ehren und zu Weihnachten werden überall Schlachtfeste gefeiert. So bringt die Kost besonderer Tage Abwechselung in das Einerlei der Wochentagsgerichte und mit der Verbesserung der Tafelfreude auch eine Verbesserung der Stimmung.
Viele Sagen sind im Volksmunde noch vorhanden, denen vielfach ein tief sittlicher Sinn zu Grunde liegt. Alle unheimliche Macht des Bösen, die dem Menschen feindlich entgegentritt, wird durch das Kreuz und den Namen Gottes gebrochen. Manche Sagen lassen noch einen heidnischen Kern erkennen oder knüpfen an das Entstehen oder Vergehen der Burgen und Schlösser an. Da gibt es Verzauberungen und Verwünschungen, und manch Berg und Wald, Kloster und Burg, Quelle und Fluß sind umrankt von Mären und Sagen. Vielfach klingt Erwartung und Freude an Reichtum, Ehre und Gold hinein, und wo der Mensch am ärmlichsten sein Dasein fristet, kommt die verklärende Sage, um ihn über die rauhe Wirklichkeit hinwegzutäuschen.
Die Trachten, die früher im deutschen Volksleben so reizvoll wirkten, sind auch in Thüringen fast verschwunden und im großen Kulturbrei aufgelöst. Nur hie und da sind noch schwache Reste vorhanden, zumeist beim weiblichen Geschlecht. Die großknöpfigen Röcke, die dreieckigen Hüte, die Kniehosen und Schnallenschuhe der Männer sind fast nirgends mehr zu finden, ebensowenig die großen Tuchmäntel und die runden Haarkämme der Frauen. Die mit weißer Leinwand unterlegten, auch im Sommer getragenen Pelzhauben der Frauen Brotterodes sind ebenso verschwunden, wie die gesichtsverhüllenden weißen Schleier, die nur Augen, Nase und Mund frei ließen. In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts trugen wohlhabende Bürgerfrauen im Rudolstädtischen feine blaue Tuchmäntel mit Goldbortenkragen, sowie auf dem Kopfe ellenhohe von Gold strotzende Grenadiermützen, die hinten mächtige Büsche kostbarer Bänder wehen ließen.
Abb. 91. Arnstadt, im Hintergrund die drei Gleichen.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Ganz müssen mir hier die Kleiderarten des Mittelalters unberücksichtigt lassen, die im allgemeinen wenig mit Volkstrachten, die für einzelne Landesteile bezeichnend sind, zu thun hatten; so z. B. im XVI. Jahrhundert die silbernen Gürtel der Kreuzburger mit daranhängenden, klingenden Glöcklein, und die dicken baumwollenen Wämser mit hölzernen Schilden oder Brusteisen, um die Pfeilschüsse abzuwehren. Der überall in Deutschland verbotene Kleideraufwand scheint auch in den Thüringischen Landen verbreitet gewesen zu sein, denn 1420 verbot der Rat der Stadt Erfurt den übermäßigen Gebrauch von Gold, Silber und seidenen Kleidern, und zur Hochzeit durfte keine Krämerin oder Dienstmagd Perlen zum Kranze oder Haarband tragen.
Abb. 92. Plan von Erfurt um 1650 (nach einem gleichzeitigen Stiche).