Volkstrachten.
Der blauleinene Kittel der Männer ist nicht als Tracht aufzufassen, da er bei Landbauern und Fuhrleuten bis nach Frankreich verbreitet ist. Die Frauen halten insofern an alter Überlieferung fest, als sie bei festlichen Gelegenheiten eine große Zahl von Röcken übereinander tragen, meist von dunkler Farbe und vorn mit einer großen Schürze verhängt. Der Kopf ist turbanartig mit einem schwarzen Kopftuche umwunden, wie in Friedrichroda, oder trägt hohe Mütze mit lang herabfallenden Bändern, wie in Brotterode; dazu kommt noch der durch ganz Thüringen verbreitete aus Kattun gefertigte Kindermantel ([Abb. 75]–[78]). In Ruhla war früher üblich, um das nach hinten gekämmte mit rund gewundenen Zöpfen festgehaltene Haar bunte Tücher zu schlingen; die Ärmel sind vielfach im oberen Teile in Stufen geteilt und in enge Fältchen gelegt. Oft hat die Kegelhaube oder Bandmütze Einlagen von bunter Perlenstickerei oder ist mit großen Schleifen oder Federbüschen geziert, bei den Bräuten oben mit einer Flitterkrone geschmückt.
Abb. 93. Erfurt, von der Grolmanshöhe aus gesehen.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
In Hötzelsroda bei Eisenach trägt man ebenfalls das turbanartige Kopftuch oder auch große dunkle Hauben, in der Form den niederländischen nicht unähnlich. Auch hier ist der Ärmel im oberen Teile stark gefältelt, und über die Schulter fällt ein mit Band besetzter Kragen. Die Kleider sind dunkel und nur die Schürzen bringen eine etwas lebhaftere Färbung hinein. [Abb. 79] zeigt einen Kirchgang, wozu die blumengeschmückten Bänderhauben mit den großen Seidenschleifen, die Spitzkappe und der dunkle Radmantel zur Geltung kommen. In Öchsen bei Vacha gibt sich die Mädchentracht in einigen Resten ans Alte anklingend: die Halsketten, das buntfarbige Brusttuch, das dunkle Mieder und die kurzen Hemdärmel ([Abb. 80]) sind bezeichnend, während Röcke und Schürzen ziemlich neue Formen zeigen. Belangreicher ist die Tracht der Burschen mit den langen Westen, die mit ihren langen Knopfreihen bis ans bunte Halstuch reichen, den knopfbesetzten Jacken oder langen Röcken und den weißen Hosen, die entweder lang oder als Kniehose getragen werden. Im letzten Falle ist der Unterschenkel von einem wollenen Wadenstrumpf bedeckt, und an den Füßen prangen die niederen Schuhe mit den großen Schnallen.
Abb. 94. Dom und Severinskirche zu Erfurt.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Auch im Altenburgischen sind von der Tracht nur noch einige Reste vorhanden, und in entlegenen Dörfern sieht man zuweilen das ältere Geschlecht in der alten Gewandung ([Abb. 81] u. [82]). Bei der Männertracht sind die kleinen Hüte, das schwarzseidene Halstuch, die dunklen Tuchjacken oder langen Tuchröcke, die ledernen unter dem Knie zusammengebundenen Hosen und lange Stiefel noch gebräuchlich. Auffallender als beim Melcher ist die Tracht bei der Marje (Melchior und Marie, wie die Träger altenburgischer Tracht allgemein heißen). Der Kopf wird eng umschlossen von der Haube, die hinten ein Pappgestell trägt, um das Kantentuch in voller Breite zu entfalten. Der Brustlatz ist eine stoffüberzogene Pappe und steht in ärgster Feindschaft mit dem Teil des Körpers, den er bedeckt. Der eng gefältelte Rock umschließt panzerartig den Leib und läßt die Waden frei, darüber wird dann noch eine große Schürze mit langen Bändern getragen. Der Kopf einer Braut wurde mit dem Hormt geschmückt ([Abb. 83]), einem hohen Aufbau aus Pappe, mit rotem Damast überzogen und mit Goldplättchen behängt, die bei jedem Schritt aneinander klingen.
Anlage der Wohnplätze.
Unser Gebiet zeigt in seinem größten Teile, wo altgermanische Siedelungen bestehen, in seinen Ortschaften die fränkische Hausanlage. Das Wohnhaus steht mit dem Giebel der Straße zugewandt und ist meist von der Breitseite aus zugänglich. In der Mitte und im Nordwesten des Gebirges sind die Häuser meist mit Ziegeln oder Schindeln gedeckt und damit auch an den Wetterseiten verkleidet. Im Südosten, im Gebiete des Schiefergebirges, sind sie nicht nur mit Schiefer gedeckt, sondern oft auf allen Seiten bis zum Erdboden herab mit Schiefertafeln bekleidet, deren düstere Fläche hie und da durch hellfarbige Tafeln in Form irgend einer Zeichnung unterbrochen ist. Vielfach findet man im Erdgeschoß eine Laube oder offene Galerie an der Hälfte der Hauslangseite, oben verdacht, so daß bei schlechtem Wetter der Zugang zu den Thüren trocken bleibt. Hier werden Pferdegeschirre u. dergl. aufgehängt, manchmal auch das Brennholz aufgestapelt.