Abb. 95. Rolandsäule in Erfurt.
Einfach und eng sind die Wohnungen in den Industriegegenden, bei den Kleinfeuerarbeitern von Suhl und Schmalkalden, bei den Holzarbeitern bei Sonneberg, bei den Griffelarbeitern. Aus dem ursprünglichen einstöckigen Holzbau entwickelte sich später beim Bauernhause ein oberes Stockwerk aus Fachwerk mit Lehmfüllung. In neuerer Zeit wird das untere Stockwerk vielfach als Steinbau, das obere als Fachwerkbau ausgeführt. Die Hausthür führt in einen bis zur Rückwand durchgehenden Raum, an den auf der einen Seite der Wohnraum, auf der andern Seite die Kammern stoßen. Die übrigen Wirtschaftsräume, Ställe, Scheune, Schuppen, sind nur bei kleinem Besitz sämtlich hinter die Kammern unter demselben Dache angebaut. Bei den Hufenbauern stehen hier in der Regel nur die Pferde und Kühe. In den größeren Besitzungen sind für alle diese Wirtschaftsbedürfnisse besondere, wenn auch aneinander stehende Gebäude errichtet, die je nach dem verfügbaren Platze einen regelmäßigen oder unregelmäßigen Hofraum einschließen. Dieser Hof ist gegen die Straße durch Zaun oder Mauer und einem Thorweg mit Nebenthor abgeschlossen und hat einen etwa morgengroßen Hausgarten hinter sich, den die Verzäunung des Gehöftes mit einschließt (Abb. 84). Die gesamte Einrichtung ist nur auf das nächste Bedürfnis einer Familie beschränkt, weshalb auch nur eine Stube heizbar ist. In dieser Stube ist in unmittelbarer Verbindung mit dem Hauptherde im Flur der Stubenherd oder der Ofen errichtet, worin im Winter gekocht wird. Im Sommer wird auf dem Herd im Flur gekocht, und während des ganzen Jahres hier solche Arbeiten verrichtet, die Kessel und größere Gefäße erfordern oder Dampf und Geruch verbreiten, wie Waschen, Backen und dergleichen.
Abb. 96. Rathaus zu Erfurt.
(Nach einer Photographie von K. Festge in Erfurt.)
Dorfanlage.
Viele Bauten weichen aber von der Grundform des fränkischen Hauses ab, die Industrie brachte ein dichteres Zusammenwohnen und eine je nach den Bedürfnissen enge Bauweise, oft mit geschlossenen Gassenfronten. Der größte Teil des Thüringischen Gebiets zeigt in der Anlage des Wohnorts die volksmäßigen Gewanndörfer des Germanen. Gewann (von »giwinnan« = durch Arbeit gewinnen) bezeichnet einen Feldabschnitt. Waren die Gewannen urbar gemacht, so erhielt jede berechtigte Dorffamilie einen Anteil, dessen Fläche sich nach der Möglichkeit der Bearbeitung an einem Arbeitstage, auch Tagewerk oder Morgen genannt, richtete; jeder dieser Anteile hieß Morgen. Die Gesamtheit dieser zerstreuten Anteile bildete nebst Haus, Hof und Garten und dem Nutzungsrechte aus dem aus Wald oder Weideland bestehenden Marklande die Hufe. Neben diesem altgermanischen Dorfe findet sich eine andere Form in der Waldhufenkolonie, deren Verbreitung von Itz und Schwarza südöstlich bis über die Saale hinaus nachweisbar ist. Hier liegen die Hufen einander parallel in zusammenhängenden Streifen, fast senkrecht zur Dorfstraße.
Nördlich von dem zuletzt genannten Gebiet, westlich bis zur Saale reichend, war ehemals slavisches Siedelungsgebiet, in dem vorwiegend in der Zeit vom XII. bis XIV. Jahrhundert deutsche Kolonialdörfer gegründet wurden. Im slavischen Siedelungsgebiete war das slavische Runddorf (Rundling) die ursprünglich gewählte Anlage. Um einen kreisrunden mit einem Teich versehenen Platz stehen die Gehöfte im Kreise herum, das Hauptthor dem Platze zugewandt. Nach der Außenseite erstrecken sich dann den Gehöften zunächst die Gärten und dann die Felder. Der Dorfplatz war meist nur von einer Seite aus zugänglich und die Hauptstraße führte abseits des Dorfes vorüber. Die vielen Ortsnamen mit der Endung »rode« weisen in ihren ersten Bestandteilen meist Personennamen auf (Friedrichroda u. s. w.) und deuten auf das Urbarmachen von Waldstellen, Roden. Die Ortsnamenendung »leben« (von leba oder leiba = das Übriggelassene, der Nachlaß) fällt in ihrer Verbreitung zusammen mit dem nördlichsten Vordringen der Thüringer.
Volksdichte und Konfessionen.