Nordvorland.

Das nördliche Vorland des Thüringerwalds beschränkt sich geologisch nur auf die schon früher besprochene Zechsteinzone. In Bezug auf die Oberflächenform entwickelt sich das Vorland erst südöstlich des Erbstromes bis über Ohrdruf hinaus, wo die Muschelkalkplatte von Gossel und Crawinkel bis an den Fuß des Gebirges reicht. Muschelkalk und Buntsandstein treten dann aber in breitester Entwickelung auf und reichen mit wenigen Unterbrechungen fast bis Erfurt und Weimar, zwischen Ilm und Saale die Ilmplatte bildend, die in natürlichem Zusammenhange steht mit der Saalplatte. Nördlich davon dehnt sich das Thüringische Becken aus, dessen Mitte etwa durch das nur 124 m über dem Meere liegende Städtchen Sömmerda bezeichnet wird, weiter aber umrahmt ist von den nördlichen Grenzhöhen, die in großem Bogen vom Hainich über das Eichsfeld, den Dün, die Hainleite und die Finne reichen.

Abb. 100. Weimar um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stich von Merian).

Leina. Hörselberge.

Die südlich von Friedrichroda herabkommende Leina bildet den Oberlauf der Hörsel. Die Leina tritt bei Schönau vor dem Walde aus den Bergen, wo Landgraf Balthasar 1369 den kleinen Leinakanal abzweigte, um Gotha mit Wasser zu versorgen. Der Kanal mündet nordwestlich von Gotha in die Nesse, die sich bei Eisenach in die Hörsel ergießt. Da das Wasser des Kanals nicht ausreichte, wurde 1653 ein zweiter angelegt, der als Leinakanal bei Georgenthal von der Apfelstedt abzweigt und bei Emleben sich mit dem älteren Kanal vereinigt. Auf diese Weise ist eine Gabelteilung (Bifurkation) hergestellt worden, welche die Wasserscheide durchschneidet und die beiden Stromgebiete der Elbe und Weser miteinander verbindet. Die Hörsel mündet nach einem Laufe von 55 km bei Hörschel in die Werra. Östlich von Eisenach erhebt sich zwischen Hörsel und Nesse der 486 m hohe Muschelkalkwall der sagenreichen Hörselberge, mit der kleinen Venushöhle oder dem Hörselloch. Das Hörselthal bildet einen wichtigen Durchgangspunkt für den Verkehr von Westen, der nach Osten über Gotha und Erfurt nach Weimar und Leipzig seine Wege zog und jetzt von der Thüringischen Eisenbahn (1847 vollendet) durchfahren wird, die nach Norden und Süden zahlreiche Zweige aussendet. Die Lage Thüringens gibt die natürlichen Bedingungen für einen Durchgangsverkehr im Südteile des Thüringischen Beckens, und schon die alte Straße Frankfurt a. Main-Leipzig lief durch Hörsel- und Assethal nach Gotha, um dann über Buttstädt, Eckartsberga, Naumburg und Weißenfels nach Leipzig zu führen. Seit dem XVI. Jahrhundert wurde diese »Hohestraße« die Hauptverbindung zwischen dem Rhein und dem Handelsmittelpunkt Leipzig; schon zu Anfang des XVII. Jahrhunderts bestand hier eine Postverbindung, die aber erst am Ende desselben Jahrhunderts in eine Fahrpost umgewandelt wurde.

Abb. 101. Weimar mit dem Schloß.
(Nach einer Photographie von L. Held in Weimar.)

Waltershausen. Tenneberg.

Von Wutha führt eine Zweigbahn bis Ruhla; von Fröttstädt nach Friedrichroda, die weitergeführt wurde über Ohrdruf nach Gräfenroda. Waltershausen (5600 Einw.), am Fuße des Burgbergs gelegen ([Abb. 85]), ist eine Hauptstätte für Puppen- und Spielwarenherstellung, die erst im Laufe des XIX. Jahrhunderts eingeführt wurde. Die Fertigstellung der Puppenbestandteile beschäftigt außerdem noch viele fleißige Hände in den benachbarten Gebirgsorten. Ein altes Gebäude ist die am Burgweg liegende Kemnate, aus dem XIV. Jahrhundert, einst ein Rittersitz, heute eine Spielwarenfabrik. Auf der Muschelkalkhöhe des Burgbergs erhebt sich Schloß Tenneberg ([Abb. 86]), etwa um 1591 errichtet, 1729 erneuert und umgebaut. Beim Austritt des Badewassers aus dem Gebirge liegt Schnepfenthal, die berühmte gothaische 1784 von Salzmann gegründete Erziehungsanstalt, in der u. a. einst der Geograph Karl Ritter Schüler war.