Das sondershäusische Städtchen Plaue (1500 Einw.), ein stiller und alter Ort, ist überragt von der Ruine der 1324 erbauten Ehrenburg. Die Muschelkalkhöhen der Reinsberge wurden ehemals von der Reinsburg gekrönt, die Ende des XIII. Jahrhunderts von Rudolf von Habsburg fast dem Erdboden gleich gemacht wurde. Bei dem nahen Dörfchen Angelroda erhebt sich der schimmernde Muschelkalkberg des Weißensteins, südlich davon öffnet sich die zerklüftete Schlucht der Kammerlöcher. Das breite kahle Thal des Plaueschen Grundes führt hinab nach dem in lieblichem Hügellande gelegenen Arnstadt (13600 Einw.), der Hauptstadt der schwarzburg-sondershäusischen Oberherrschaft ([Abb. 2] und [91]), von fruchtbaren Obstgärten umsäumt. Urkundlich schon 704 erwähnt, ist die Stadt heute in Industrie und Handel wichtig; hier soll die Cervelatwurst zum erstenmale hergestellt worden sein. Im lindenbeschatteten Schloßgarten liegt die Ruine der Burg Neideck, die 1279 vom Grafen von Käfernburg erbaut wurde. Im VIII. Jahrhundert erstand wahrscheinlich die bei Oberndorf gelegene Käfernburg (Kevernburg), seit Ende des XVI. Jahrhunderts verfallen. Arnstadt hat ein schönes 1581 gebautes Rathaus und die herrliche Liebfrauenkirche, die Ende des XII. Jahrhunderts in romanischem Stil begonnen, seit dem XIV. Jahrhundert in gotischem Stil weiter ausgebaut und erst in neuester Zeit ausgestaltet wurde.
Ichtershausen. Die drei Gleichen.
Flußabwärts führt an der Saline Arnshall eine Zweigbahn bis Ichtershausen (2550 Einw.), einem gothaischen Flecken, der Nadel- und Stahlwarenfabrikation treibt, in denen 800 Arbeiter beschäftigt sind, die täglich mehr als 2 Mill. Nähnadeln liefern. Im XII. Jahrhundert bestand hier ein Cistercienser-Nonnenkloster, das der Reformation weichen mußte. Die Klosterkirche wurde 1525 in ein evangelisches Gotteshaus umgewandelt und die Nonnen mit dem fürstlichen Ruhegehalt von acht Gulden jährlich entschädigt. Das nördlich gelegene Molsdorf ist bekannt durch sein Schloß, das dem lebenslustigen Grafen Gotter gehörte, dem Freunde Friedrichs des Großen. Parallel vorgelagert der sich zwischen Ohrdruf und Arnstadt ausdehnenden Muschelkalkplatte erheben sich einige Keuperhöhen, von deren Kegeln die sagenumwobenen Drei Gleichen weit ins Land hinausleuchten. Die beiden Ruinen liegen auf preußischem, die dritte noch erhaltene Burg auf gothaischem Gebiet. Die eigentliche Burg Gleichen (Wanderslebener Schloß) stammt aus dem XI. Jahrhundert, kam Ende des XVI. Jahrhunderts zu Mainz, Ende des XVIII. Jahrhunderts an Erfurt und damit 1803 an Preußen. König Friedrich Wilhelm III. schenkte sie einem General, der mit seinem Kunstverständnis das schönste Gebäude abbrechen und am nördlichen Fuß des Berges einen Schafstall daraus bauen ließ.
Abb. 104. Goethes Gartenhaus im Park zu Weimar.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Hier spielt die Sage des Grafen Ernst von Gleichen mit den zwei Frauen, der mit dem Kaiser Friedrich II. in den Kreuzzug gegen die Türken zieht und 1228 in Palästina gefangen wird. Melechsala, die schöne Tochter eines türkischen Emirs, entflieht mit ihm, und beide gelangen glücklich nach Thüringen, wo in »Freudeuthal«, dem Vorwerk der Burg Wandersleben, die Gräfin den Gemahl und seine Retterin empfängt, die nach ihrem Übertritt zum Christentum dem Grafen auch noch angetraut wurde. Alle drei sollen in Frieden und Einigkeit miteinander gehaust haben — so glaubte man wenigstens lange Zeit, und in der Peterskirche zu Erfurt zeigte man den Grabstein, auf dem der Graf mit zwei Frauen, eine in türkischer Kleidung, dargestellt war. Dieser Grabstein stammt aus dem XIII. Jahrhundert, während die Sage erst im XVI. Jahrhundert entstanden war. Der Grabstein war das Abbild eines Grafen von Gleichen mit zwei christlichen Frauen, mit denen er aber nicht gleichzeitig, sondern nacheinander vermählt war.
Das Mühlberger Schloß, über deren Gemäuer sich ein 24 m hoher Thurm erhebt, ist die schönste der Ruinen, urkundlich zuerst Anfang des VIII. Jahrhunderts erwähnt. Die Wachsenburg ist die höchste der Burgen (414 m) und bietet von ihren bewohnten Gebäuden eine weite Rundsicht. Im X. Jahrhundert wurde hier ein Kloster errichtet, wohl aber erst im XIV. Jahrhundert in eine Burg umgewandelt.
Erfurt.
Die »Gartenstadt« Erfurt (78200 Einw.), das alte Erpesfurt, ist einer der ältesten thüringischen Orte, schon im VIII. Jahrhundert von Bonifatius als ein alter Ort, als »eine Stadt der heidnischen Bauern« bezeichnet und zum Sitz des Bistums auserkoren. Die Stadt liegt fast in der Mitte Thüringens und ist dadurch schon frühzeitig zu Bedeutung gelangt, besonders vom XIII. bis zum XV. Jahrhundert, als es Mittelpunkt des Waidbaues war, und von 1392 an auch Sitz der ersten deutschen Universität, die 1816 aufgehoben wurde. Die Religionskriege des XVI. und XVII. Jahrhunderts bedingten den Rückgang der Stadt, die schon durch Verlegung des Bistums nach Mainz Einbuße erlitten hatte. 1802 kam Erfurt an Preußen und gelangte zu neuer Blüte, nachdem 1874 die Festungswerke gefallen waren. Erfurt ist Hauptort eines preußischen Regierungsbezirks und liegt am Grenzgebiete von Muschelkalk und Keuper im Diluvium, durchflossen von mehreren Armen der Gera. Das Städtebild mahnt heute noch mit zahlreichen Kirchen an die frühere Verbindung mit Mainz ([Abb. 92] und [93], die Stadt mit den mittelalterlichen Befestigungen darstellend). Von den Kirchen ist am bedeutendsten der katholische Dom ([Abb. 94]) und die Severinskirche, beide im XIV. Jahrhundert erbaut.