Ihre Wellen ziehen vorüber an manch alter Stadt, an Weinbergen und alten Trutzburgen und tragen zu Flößen verbunden zahllose Stämme des Gebirgswaldes. In ihrem Oberlaufe rücken die Thalränder enger zusammen, bis zuletzt selbst für eine menschliche Ansiedelung kein Raum übrigbleibt und der Fels in glatten Wänden bis ins Wasser heruntersteigt. Zahlreiche Bäche rauschen von den Höhen herab aus dem Schatten dunkler Tannen und Fichten, die den mächtigen Gebirgsbuckel mit grünem Mantel umhüllen. In den Seitenthälern weiten sich da und dort kleine Wiesenmulden und tragen betriebsame Ortschaften, die mit dem Fels ihrer Nachbarschaft bekleidet sind: vom Dachfirst bis zur Sohle sind die Häuser mit Schieferplatten bedeckt und bringen in das Tannendunkel eine noch ernstere Färbung.

Droben aber auf dem Gebirge läuft ein geheimnisvoller verschwiegener Bergpfad durch die Waldeinsamkeit, der alte Rennsteig auf der Scheidelinie, von der die Gewässer nach beiden Seiten abrinnen. Durch vieler Herren Länder, von denen uns alte Wappensteine Kunde geben, zieht der Pfad, teils im dichten rauschenden Hochwald, zwischen dessen silbergrauen Stämmen zierliche hellgrüne Farne emporwachsen, teils Ausblicke gewährend nach fernen duftumflossenen Höhenzügen und in grüne Thäler, in denen friedliche Ortschaften eingebettet sind. Nicht ein Laut dringt herauf von den belebten Arbeitsstätten, wo die Säge kreischt und die Drehbank klappert oder wo Schmiedefeuer glühen und die Hämmer den Takt schlagen. Außer dem Schrei des Wildvogels oder dem Gesang der Waldvögel schallt nur der Axtschlag durch den Wald, der manchen jahrhundertealten Baum trifft, um ihn dem heimatlichen Boden zu entreißen; oder es tönt ein metallischer Klang herauf, der von Männern herrührt, die das Schiefergestein absprengen und es zu Tafeln oder Griffeln verarbeiten.

Wo aber der Bergpfad dem Kamme folgt, der immer schmaler wird und von dessen Flanken sich tiefe Thäler einschluchten, deren obere Mulden fast bis zum Rennsteig selbst reichen, da nimmt der Wald eine freundlichere Färbung an, Tannen und Fichten bleiben zurück, und über dem Dickicht der Beerensträucher streben leuchtende Buchen empor. Ihre Baumkronen wölben sich wie gotische Dome, durch deren Maßwerk die Sonne goldene Lichter sendet, und aus dem grünen Laube singt und jubelt es in vielstimmigem Gesange. Malerischer und bewegter sind hier die Formen des Gebirges, und es erschließt sich hier der anmutigste und gepriesenste Teil des Thüringerwalds: in den Waldthälern trauliche Ortschaften, auf den Höhen so manche zerborstene Burg. Am herrlichsten von allen aber grüßt die Wartburg herab, von deren wunderbarer Vergangenheit Sagen und Lieder erzählen. In dichterischem Glanze erscheinen Ritter und Edelfrauen, die Säle hallen von Waffenklang und Sängerstreit wieder, es erklingen Eisenspeere und Minnelieder, und wenn der Abendsonne Gold hinter den Höhen des Ringgaus verglüht, des Mondes Silberstrahlen über die rauschenden Buchenwipfel fluten, dann singt und klingt es dem kundigen Wanderer wie Erinnerung aus blühendem Mittelalter.

Wo die Gewässer des Gebirges südwärts fließen, breitet sich in hellem Duft das Werrathal aus, geziert von mancher lebensfrohen Stadt. Auch hier grüßen von den Vorbergen altersgraue Rittersitze, und am glänzenden Flusse ragen verlassene Klosterhallen empor, bekränzt vom dunklen Epheu oder vom wilden Wein, aber vom verfallenen Turme läutet frommen Wallfahrern keine Glocke mehr. Dort dehnen sich die geschichtsreichen und doch heute so stillen Gelände des alten Grabfeldgaues. Im Südosten aber ragt die schöne kleine Hauptstadt aus üppigen Gärten mit ihrem Kranze von Bergen und Burgen, die hinüberschauen in die blühenden Gefilde des Mainthals.

Abb. 6. Dom zu Merseburg.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)

II.

Das westliche Gebirge. Ausdehnung Thüringens.

Im Herzen Deutschlands erhebt sich das Gebirge des Thüringerwaldes, ausgezeichnet durch die Schönheit seiner Umrißlinien, bedeckt von üppigen Wäldern, gegliedert durch anmutige Thäler, in denen eine arbeitsame und sangesfrohe Bevölkerung wohnt. Schon auf alten Karten war unter dem Namen Thüringerwald das ganze Gebirge zwischen Werra und Fichtelgebirge verstanden worden, wenn auch über seine einzelnen Gebiete noch etwas verworrene Anschauungen herrschten, wie unsere [Abb. 3] zeigt, die besonders im Flußnetz die kühnsten Linien aufweist. Jedenfalls wurde schon in alter Zeit der Frankenwald miteingeschlossen, eine Auffassung, die heute noch gilt und die einzig volkstümliche ist. Weit aber über den Thüringerwald hinaus dehnen sich die Grenzen der Landschaft Thüringen, vom Werradurchbruch im Nordwesten bis über die Saale hinaus im Südosten — wo Altenburg politisch noch zu Thüringen zählt — von dem Ufergelände der Werra im Süden bis an den Erhebungskranz im Norden, wo von den Höhen des Kyffhäusers das mächtige Kaiserdenkmal hinunterschaut in die fruchtbaren Gefilde der Goldenen Aue.