Nördlich von Weimar erhebt sich der breite schön bewaldete Muschelkalkrücken des Ettersberges, im höchsten Punkte zu 481 m ansteigend, an seinem Nordfuß das Dorf und Schloß Ettersburg, wo Goethe mit seinen Genossen wie in Tiefurt manche Kurzweil trieb. Weit nach Westen und Norden dehnt sich das Thüringische Becken (oft als Thüringische Hochebene bezeichnet) aus, die fruchtbare Kornkammer Mitteldeutschlands, zwischen den Horstgebirgen des Thüringerwalds und des Harzes, von denen die aufgebogenen Ränder des Beckens durch im Mittel 10 km breite Landstreifen getrennt sind, die für den westöstlichen Verkehr Wichtigkeit haben. Zwischen den Vorlandstreifen erhebt sich eine große Muschelkalkplatte, in die das jüngste Glied der Trias, der Keuper, beckenförmig eingesenkt ist. Der Zusammenhang des eingelagerten Keuperbeckens erlitt eine Störung durch von Nordwest nach Südost streichende Verwerfungsspalten, längs deren Bruchlinien auf der einen Seite ganze Landschollen in die Tiefe sanken, anderseits ältere Gesteinsschichten eine Aufrichtung erfuhren und Höhenzüge im früher zusammenhängenden Keuperbecken bildeten. In langen Zeiträumen wurden diese Höhenzüge von den sie bedeckenden Keuperschichten durch Abtragung entblößt und trennten nun als Querriegel von Muschelkalk das Keuperbecken in mehrere parallele Mulden, die weiterhin von Flüssen durchbrochen und nun zu einem großen Keuperbecken umgestaltet wurden.
Abb. 113. Schloß Tiefurt.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Geologische Verhältnisse des Thüringischen Beckens.
Den ältesten Bestandteil der Trias bildet der Buntsandstein, der in seiner lockeren Beschaffenheit den abtragenden Kräften wenig Widerstand entgegensetzt und deshalb fast überall sanft gerundete Formen zeigt. Der Ackerbau hat hier durch Abschwemmung viel zu leiden und ist noch am günstigsten für Kartoffeln. Die Buntsandsteinwände am rechten Wipperufer lassen in ihrer Steilheit die Einlagerung festeren Muschelkalks erkennen. Der Muschelkalk hat ein festeres Gefüge und bildet im Thüringischen Becken noch heute die höchsten Erhebungen, die sich durch eigenartige Formen von ihrer Umgebung abheben. Sie sind durch kammartige scharfe Höhen und steile Böschungen ausgezeichnet, während die Flüsse tiefe Thäler in das Gestein nagen und oft senkrechte über 100 m hohe Uferwände haben, die entweder mit dichtem Gestrüpp bewachsen sind oder durch leuchtende Farben ihrer kahlen Gehänge der Landschaft einen eigenartigen Reiz verleihen. Für den Landbau ist der Muschelkalk wegen der schweren Verwitterung seines Gesteins, dessen geneigte Schichten der Abschwemmung sehr ausgesetzt sind, und wegen seiner Wasserarmut schlecht geeignet. In flachen Mulden finden sich häufig thonige und lettige Schichten, die zwar Feuchtigkeit genug haben, aber undurchlässig sind und einen zähen, schwer zu bearbeitenden Boden liefern. Der Keuper ist aus weichen Gesteinen zusammengesetzt: bunte Mergel, weiche Sandsteine, mit stockförmigen Einlagerungen von Gips- und Thonschichten durchsetzt, und bildet fast überall einen sehr fruchtbaren Boden. Bei der geringen Neigung der Schichten und ihrer Weichheit gibt es keine Abschwemmung, aber überall tiefe Ackerkrume, und die Oberflächenformen bieten in ihren sanften breit hingelagerten Hügeln einförmige Landschaftsformen, die nur durch die grünen Thäler ihrer Flüsse und Bäche angenehme Unterbrechung erfahren. Außerordentlich wichtig sind noch diejenigen Schichten, die in neuester Zeit entstanden und noch entstehen: Diluvium und Alluvium. Viele breite Flußthäler sowie einige Punkte der Hainleite und die Nordabhänge dieses Höhenzuges, die Flanken des Kyffhäusers, die wellenförmigen Erhebungen des Nordvorlandes sind bedeckt von diluvialen Löß- und Lehmlagern (Löß ist magerer Thonboden, frei von abschlämmbarem Sande; Lehm ist kalkfreier Thon, mit 15 bis 30 vom Hundert Quarzsand vermischt). Diese Bedeckungen bilden die fruchtbarsten Fluren und Thalböden des Thüringischen Beckens.
Mühlhausen.
Der größte Teil des Beckens entwässert zur Unstrut (d. h. Große Strut = sumpfiges Ried- und Gestrüppland), die als der eigentliche Hauptfluß Thüringens anzusehen ist, obwohl sie nur ein Nebenfluß der Saale ist, in die sie bei Naumburg nach 185 km langem Laufe mündet. Die Quelle der Unstrut liegt bei Kefferhausen unweit des Städtchens Dingelstädt (3600 Einw.) auf dem Eichsfelde. Einer der wichtigsten Plätze ist hier die ehemalige Reichsstadt Mühlhausen (30100 Einw.), ein alter Handelsplatz und früher berühmt wegen ihres Waidbaues ([Abb. 115]). In den Bauernkriegen hatte sie viel zu leiden; der Wiedertäufer Thomas Münzer wurde nebst anderen Führern hier hingerichtet. Von ihren vielen Kirchen sind die hervorragendsten die gotischen Marien- (Obermarkt-) und St. Blasii- (Untermarkt-) Kirchen, beide aus dem XIV. Jahrhundert. In der Industrie sind 65 vom Hundert der Bevölkerung thätig, besonders wichtig ist Textilindustrie. In Mühlhausen war früher, wie schon der Name andeutet, ein schwunghafter Mühlenbetrieb vorhanden, doch wurden im Laufe der Zeit viele Mühlen in Wollspinnereien umgewandelt. Die Wollindustrie wird seit dem XV. Jahrhundert betrieben. Von der schön bewaldeten Muschelkalkhöhe des Hainich fließt der Unstrut ein reiches Wassernetz zu, das die Fruchtbarkeit noch erhöht und den Anbau von Küchen- und Handelsgewächsen begünstigt, wie bei dem preußischen Flecken Großengottern (2300 Einw.). Vom Hainich läuft der Grenze zwischen gothaischem und preußischem Gebiete entlang dem Muschelkalkzug der Haartberge (richtiger Hart = Waldhöhe), bis zu 363 m ansteigend, aber nur noch wenig bewaldet, deren Fortsetzung östlich des Tonnabaches die ebenfalls aus Muschelkalk bestehende schön bewaldete Fahnersche Höhe ist, im höchsten Punkte 410 m messend. Ihre Ausläufer nach Südost leiten hinüber zum Steigerwald (345 m) bei Erfurt, und zu den Höhen bei Berka und Kranichfeld, wo die Muschelkalkmasse des Kirchheimer Bergs bis zu 513 m ansteigt.
Abb. 114. Bad Sulza.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Langensalza. Tennstedt. Kölleda.