Helbe-, Wipper- und Unstrutthal.
Die Unstrut nimmt auf ihrer linken Seite wasserreiche Zuflüsse auf, von Sömmerda abwärts zunächst die 57 km lange Helbe, die auf den sanft geneigten Südhängen des Dün beim sondershäusischen Dorfe Großkeula (900 Einw.) entspringt. Sie durchfließt in einem nördlichen Bogen zunächst ein enges gewundenes Waldthal, bis sie bei Ebeleben in die Beckenlandschaft tritt, auch dann noch streckenweise zwischen steilen Uferhängen strömend. Ebeleben (1500 Einw.) ist ein sondershäusischer Flecken, in dessen Nähe noch große Teiche bestehen. Das benachbarte Marksußra war früher ein Nonnenkloster. Im oberen Flußgebiete sind noch folgende zu Sondershausen gehörige Orte wichtig: Schernberg (1200 Einw.), Holzthaleben (1200 Einw.) und die Städtchen Großenehrich (1000 Einw.) mit zahlreichen Mühlen, Clingen (1200 Einw.) und Greußen (3400 Einw.) mit wichtiger Gärtnerei. Von hier aus abwärts ist die Helbe in langen parallelen Wasserläufen abgeleitet, die ein fruchtbares Kulturland einschließen. Westlich an der Bahn nach Mühlhausen liegt die zu Reuß ältere Linie gehörige Stadt Schlotheim (2400 Einw.). Aus dem Buntsandstein und Muschelkalk des nördlichen Höhenkranzes bricht die Wipper, in südlichem Bogen beim preußischen Städtchen Kindelbrück (1600 Einw.) vorüberfließend. Nach einem 85 km langen Laufe mündet sie bei Sachsenburg in die Unstrut.
Abb. 117. Jahnhaus in Freyburg.
Hier hat die Unstrut den Muschelkalk- und Buntsandsteinwall durchnagt, die Sachsenburger Pforte bildend, und fließt dann nach Nordost. Früher behielt sie diese Richtung bei und mündete bei Salzmünde in die Saale, an der Stelle der heutigen Salzkemündung, wie sich aus Funden von Thüringerwaldgeröll nachweisen läßt. Ein jüngerer Durchbruch ließ endlich die Unstrut von Artern nach Südosten die Triasplatte von Nebra nach Freyburg einsägen. Hier steht Buntsandstein, weiter abwärts Muschelkalk an. Das Thal ist zwar nicht durch große landschaftliche Reize ausgezeichnet, bietet aber eine Reihe schöner Einzelbilder, über deren Städten, Fluren und Ruinen Geschichte und Sage ihre Zauber gegossen haben. Der Hauptort des Unstrutthales ist Freyburg (3300 Einw.), der jüngste fast von allen Orten des Thales. Etwa um das Jahr 1090 ließ Ludwig der Springer (der Salier), der Erbauer der Schauenburg und der Wartburg, auf der Muschelkalkhöhe eine »neue Burg« anlegen, Schloß Neuenburg ([Abb. 116]), zu dessen Füßen am Ufer des Flusses sich Freyburg entwickelte. Die Stadt treibt besonders Weinverarbeitung und ist bekannt als Wohnort des Turnvaters Jahn, der hier von 1825 bis 1852 lebte. Zur Erinnerung an ihn wurde 1894 eine schöne Turnhalle errichtet ([Abb. 117]), auf dem alten Friedhof Freyburgs an der Stelle von Jahns früherem Grabe. Seine sterblichen Überreste haben unter dem Giebel der Halle eine neue Ruhestätte gefunden. Hier ist in einer Nische auch die Schillingsche Büste Jahns neu aufgestellt worden, die das frühere Grab schmückte. Die alte Stadtkirche stammt in ihren Hauptteilen aus dem XIII. Jahrhundert. Bei Freyburg bestand schon früh eine große Brücke, über die der alte Handelsweg von Leipzig und Halle nach dem inneren Thüringen führte. Der untere Teil der Unstrut ist durch Stauschleusen für kleine Fahrzeuge schiffbar gemacht worden. Das Dorf Groß-Jena war im XI. Jahrhundert eine ansehnliche Stadt, wo Markgraf Eckard I. seine Residenz hatte. An den Thalwänden grünen überall Weingärten, in deren südlich gelegenen Sandsteinfelsen biblische auf Wein bezügliche Figuren und Inschriften eingehauen sind, aus der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts stammend.
Abb. 118. Vitzenburg und Unstrutthal.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)
XIII.
Finne. Schrecke. Schmücke.
Die Steilwände an der östlichen Thalseite sind die Abbrüche der Querfurter Platte, die mit der kleinen Ziegelrodaer Platte (höchster Punkt 296 m) ein Ganzes bildet und nordwärts vom Rohnethal und dem Hornburger Sattel begrenzt wird, dem Übergang vom Rohnethal in das Becken des ehemaligen Salzigen Sees. Westlich der unteren Unstrut dehnt sich von Südost nach Nordwest die Finne aus, eine Buntsandsteinplatte von 270 m mittlerer Höhe, die gegen das Unstrutthal sanft geneigt und durch zahlreiche bewaldete Thäler, die nahe ihrer Mündung ins Unstrutthal meist ausgedehnte Obstanlagen aufweisen, zerschnitten ist. Die Oberfläche ist leicht gewellt, der mit einem Muschelkalkgürtel besetzte Westrand bricht aber steil ab und ist auf seiner Höhe bewaldet. Im Nordwesten trennt das Thal der Helder das Gebirge in zwei Äste, die sich verschmälern und kammartig entwickeln: die Schmücke und die Schrecke, beide mit schönen Buchenwäldern bedeckt. Hier erheben sich auch die höchsten Punkte, der Kinselsberg mit 384 m, und der Steiger 362 m Höhe. Der Name Finne (im XII. Jahrhundert Vinne oder Uinna d. h. fenna oder fenni = Kot, Sumpf) deutet auf die Undurchlässigkeit der im Sandstein vorhandenen wagerechten Mergel- und Thonschichten hin, die auch den Ackerbau ungünstig beeinflussen. Die Bevölkerung dieses Gebiets spricht deshalb von der »kalten Finne«. Schrecke oder Hohe Schrecke (von scricchan und screcchôn = springen) bedeutet emporspringender Berg, wegen seiner Steilheit; Schmücke (wahrscheinlich von smiugan = schmiegen) im Gegensatze hierzu einen sich schmiegenden, sanft ansteigenden Berg.