Der Kyffhäuser gehörte mit dem nahe an seinem Ostfuße gelegenen preußischen Dorfe Tilleda (1100 Einw.) zu den Krongütern, welche die Kaiser der älteren Zeit in fast allen Teilen des Reiches besaßen. Wann eine Reichsburg auf dem Kyffhäuser erbaut wurde, weiß man nicht; sicher ist nur, daß die kaiserliche Burg Kufese 1118 von den aufständischen thüringischen und sächsischen Fürsten zerstört, bald nachher aber wieder aufgebaut wurde. Rudolf von Habsburg ernannte 1290 den Grafen Friedrich von Beichlingen-Rothenburg zum Burggrafen von Kufese, dessen auf der Rothenburg sitzendes Geschlecht indessen 1373 seine Herrschaft Schulden halber an den Landgrafen von Thüringen abtrat. Diese verpfändeten sie 1378 an die Grafen von Schwarzburg, die seitdem im Besitz der Herrschaft verblieben. Die Burg verfiel im Mittelalter, doch wurde 1433 die Burgkapelle erneuert und blieb bis zur Reformation ein viel besuchter Wallfahrtsort. Von Norden aus gesehen bilden die Reste der Rothenburg ([Abb. 123]), die um 1100 gegründet wurde, und der alte Kyffhäuserturm ([Abb. 124]) die Eckpfeiler des Gebirges. Neben dem alten Turm erhebt sich auf 96 m langer und 61 m breiter Plattform das von Deutschlands Kriegern 1890–1896 errichtete Denkmal für Kaiser Wilhelm I. ([Abb. 125]). An der Rückseite eines viereckigen Hofes, der mit seiner kräftigen Architektur das aus dem Berge gestiegene Schloß des sagenhaften Staufenkaisers versinnbildlicht, befindet sich das Standbild Friedrich Barbarossas. Am Oberbau des Denkmals, das von der Plattform bis zur Spitze 69 m hoch ist, tritt über dem Standbilde Barbarossas das mächtige Reiterstandbild Kaiser Wilhelms heraus, weit hinausblickend in die deutschen Lande ([Abb. 126]). Bei der Kyffhäusersage soll es sich ursprünglich nicht um Friedrich I. Barbarossa, sondern um den in Italien 1250 plötzlich verstorbenen Friedrich II. gehandelt haben, an den sich später Prophezeiungen von einstiger Eroberung des heiligen Grabes und allgemeine Besserung kirchlicher und gesellschaftlicher Zustände knüpften. Die letzteren Vorstellungen verblaßten nach der Reformation, von da ab saß Kaiser Rotbart drunten am Tisch von Marmelstein und wachte alle hundert Jahre nur einmal auf. Dann mußte sein Zwerg zur Welt hinaufsteigen, um zu schauen, ob die Raben noch immer fliegen. Und dann versank der alte Held wieder in tiefen Schlaf. Mit Rückerts bekanntem Liede: »Der alte Barbarossa« empfing die Sage und das Sehnen im deutschen Volke neue Kraft. Mit dem Wiedererstehen des geeinigten Deutschen Reiches hatte sich endlich die Verheißung der Sage erfüllt. Das mächtige Denkmal ist uns ein Markstein in der Geschichte des deutschen Volkes geworden und ein kraftvolles Erinnerungszeichen an die Macht und Größe des Vaterlandes.
Abb. 124. Kyffhäuserturm.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Frankenhausen.
Auf dem Rücken des Gebirges liegt 384 m hoch auf einer Waldwiese das Jagdschloß Rathsfeld. Am Südwestfuße unterhalb der Reste der Falkenburg befindet sich die Barbarossahöhle, durch einen 178 m langen Stollen zugänglich gemacht. Ein Teil des Raumes wird von kleinen Teichen eingenommen, und von der Decke hängen vielgestaltige Gips- und Anhydritbildungen, vielfach aufgehängten Fellen ähnlich. Frankenhausen (5950 Einw.) ist die Hauptstadt der schwarzburg-rudolstädtischen Unterherrschaft ([Abb. 127] und [128]), am Südfuße des Kyffhäusers gelegen. Hier wurde in einer Tiefe von 400 m ein Steinsalzlager erbohrt, dessen Quellen für Badezwecke benützt werden. Außerhalb der Stadt erhebt sich der Schlachtenberg, wo 1525 dem Bauernkrieg ein Ende gemacht wurde: 5000 Erschlagene lagen in den Feldern und Straßen umher, 300 Bauern wurden vor dem Rathause enthauptet. Thomas Münzer, der Anführer der Aufständischen, wurde hier gefangen und auf dem Hochgericht von Mühlhausen enthauptet. Am Abhange des Berges steht der Hausmannsturm, der Rest der alten Frankenburg. Frankenhausen wurde in Verbindung mit Salzgewinnung seit dem X. Jahrhundert genannt. Das Flußthal ist wohl angebaut, so daß die Dörfer wohlhabend sind; Ringleben hat 1300 Einw.
Abb. 125. Kaiserdenkmal auf dem Kyffhäuser.
(Nach eigener Photographie der Verlagshandlung.)
Goldene Aue.
Der Kyffhäuser sendet seine westlichen Ausläufer bis Auleben und Badra vor, wo der jüngere Zechsteingips unter den steil abbrechenden Schichten des unteren Buntsandsteins der Windleite verschwindet. Bei Badra steht Gips und der Hauptdolomit des Zechsteins an, der auch am Galgen- und Schlachtenberge bei Frankenhausen entwickelt ist. Vom Badraer Sattel schiebt sich ein kleiner Höhenzug nach Südosten und zwingt dort die Wipper, die Hainleite zu durchbrechen. Nördlich vom Kyffhäuser breiten sich die fruchtbaren auf Buntsandstein liegenden Diluvialablagerungen der Goldenen Aue aus. Am Anfang des XII. Jahrhunderts war das Helmethal von Nordhausen bis Artern noch ein sumpfiges wenig bewohntes Land, in das die Cistercienser vom Kloster Walkenried erst Kultur brachten. Die Mönche zogen Vlämen ins Land, die nach niederländischer Art urbar machten und eine Anzahl Ortschaften gründeten. In diesen vlämischen Kolonistendörfern (Horne, Ellre, Weydenhorst und die Orte mit der Endung »riet«) lagen die Bauernhöfe am Flusse entlang, an dem sich auch die einzige Fahrstraße hinzog; seitwärts von den Bauernhöfen am Eingang des Dorfes stand die Kirche. Hinter den Höfen schloß sich in langen Streifen, so breit wie das Gehöft, der Acker an. Die Form der Bauernhöfe war die fränkische. Die Entwässerung des oberen Riets (oder Rieds) geschah durch tiefe Gräben, neben denen hohe Dämme erbaut wurden. Querdämme schlossen die Gebiete der einzelnen Ortschaften ab. Im unteren Riet war längs des linken Ufers der kleinen Helme ein Flutgraben gezogen worden.