Noch wechselreicher als seine Oberfläche ist die Geschichte Thüringens. Die Thüringer gelten als Nachkommen der alten Hermunduren und treten zuerst im V. Jahrhundert in die Geschichte. An der Unstrut brach das Königreich Thüringen zusammen, die Thüringer erlagen den fränkischen Eroberern, und die alte Königsburg Scidingi (Burgscheidungen) fiel 531 in die Hände der Franken. Die nordwärts der unteren Unstrut und Helme gelegenen Gebiete wurden gegen Zahlung eines Jahreszinses den Sachsen überlassen, das übrige Thüringen wurde den Franken botmäßig. Im VII. Jahrhundert erstarkte Thüringen durch die Kämpfe seiner Bewohner gegen die westwärts vorrückenden Slaven. Irische Mönche bereiteten das Volk zur Annahme des Christentums vor, und 719 kam Winfried (Bonifatius) nach Thüringen, um für die Ausbreitung der christlichen Lehre zu arbeiten. Unter Karl dem Großen wurde Thüringen immer enger mit dem Frankenreiche verknüpft, um mit ihm gemeinsam das Vordringen der Slaven zu bekämpfen. Im VIII. Jahrhundert galt die Saale als ethnographische und politische Grenze, und das Grenzgebiet an Saale, Unstrut und Gera wurde zur Thüringischen Mark; bis hierher durften die deutschen Kaufleute mit den Slaven Handel treiben. Von hier aus suchten im IX. Jahrhundert die Markgrafen eine Vorherrschaft für ganz Thüringen zu begründen. Durch den lang ausgedehnten Befestigungskranz der Burgen an den Uferhöhen der Saale wurden aber die Slaven in Schach gehalten.
Abb. 9. Die Lauchstädter Bühne mit den aus dem Jahre 1803 erhaltenen Dekorationen.
(Nach einer Photographie im Besitz des Herrn Franz Peschel in Straßburg.)
Im X. Jahrhundert übernahm das sächsische Geschlecht die Führung in den östlichen Grenzmarken. Die 965 erfolgte Dreiteilung der Thüringischen Mark in eine Merseburger, Zeitzer und Meißnische Mark wurde zur Grundlage der Bistumsgründung für die drei genannten Gebiete. Bis zum Anfange des X. Jahrhunderts wohnte das Volk in offenen Dörfern, und erst dann begann man, die Wohnplätze gegen feindliche Einfälle mit Mauern, Gräben und Bollwerken zu schützen. Aus diesen Plätzen erblühten dann die Städte, die zu Haupthaltestellen für die Richtungen des damaligen Handelsverkehrs wurden. Neben der Gemeindeverfassung kam für die Ausbildung des Städtewesens erst in zweiter Linie das Gedrängtsein der Wohnungen hinter schirmenden Mauern und der dadurch gewährleisteten Blüte von Handel und Gewerbe. Um die Ausdehnung des Binnenverkehrs war auch die Geistlichkeit in den größeren Bischofssitzen, Klöstern und Stiftern bemüht, und sie richtete bei Gelegenheit großer Feste ihrer Schutzheiligen einen Markt ein, zu dem Zoll- und Münzrechte leicht zu erlangen waren. So ward Hochmesse und Markt gleichbedeutend als »Messe«, eine Vereinigung von geistlichen und weltlichen Geschäften, die in katholischen Gegenden heute noch häufig besteht.
Thüringen vom XI. bis XV. Jahrhundert.
Im XI. Jahrhundert kam in Thüringen das Geschlecht des Grafen Ludwig des Bärtigen zu Macht und Ansehen, besonders unter seinem Sohne Ludwig dem Springer, dem Erbauer der Wartburg und der Neuenburg bei Freyburg an der Unstrut. Im Jahre 1130 wurde Thüringen zur Landgrafschaft und gelangte dadurch zur Einheit und gedeihlichen Entwickelung. Unter Hermann I. soll 1207 der durch Dichtung und Sage verherrlichte Sängerkrieg auf der Wartburg stattgefunden haben. Nach dem Thüringischen Erbfolgekrieg (1247–1263) kam Thüringen an Heinrich den Erlauchten, den Wettiner, dessen Sohn Albrecht der Unartige mit seinem Vater und Brüdern, später mit seinen eigenen Söhnen in unaufhörlicher Fehde lag. Friedrich der Streitbare erwarb 1423 das Herzogtum Sachsen und die Kurwürde, wodurch der Name Sachsen auch auf die thüringischen Besitzungen der Wettiner übertragen wurde. Von den vielen Hunderten von Grafen und Herren, die in den übrigen Teilen Thüringens die Territorialgewalt ausübten, waren die wichtigsten die Grafen von Henneberg, die Grafen von Schwarzburg, die Vögte von Weida, Gera und Plauen, die Ahnherren der Fürsten von Reuß.
Abb. 10. Weißenfels um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stiche von Merian).
Thüringen vom XV. bis XIX. Jahrhundert.
Nach der Erbteilung von 1445 erhielt Wilhelm, Herzog von Sachsen, die Landgrafschaft Thüringen, die fränkischen Besitzungen sowie einige Ämter des Osterlandes. Nach Beendigung eines Bruderkrieges zwischen Wilhelm und Friedrich II., dem Sanftmütigen, raubte 1455 Kunz von Kaufungen aus dem Altenburger Schlosse die beiden Söhne Friedrichs II., Ernst und Albrecht, die späteren Stifter der beiden sächsischen Hauptlinien. 1485 erfolgte die Leipziger Teilung, wodurch Ernst Thüringen und die Kurwürde erhielt, Albrecht erhielt Meißen; in das Oster- und Pleißenland teilten sich beide. Seitdem blieb das sächsische Haus in die zwei Linien, die Ernestinische und Albertinische, getrennt. In die Regierungszeit Friedrich des Weisen (1486–1525) fällt das Wirken Luthers. Auf Friedrich folgte sein Bruder Johann der Beständige, als in die Gefilde Thüringens der Bauernkrieg Blut und Verderben brachte. Johann starb schon 1532, und nach seinem Tode führte Johann Friedrich mit seinem minderjährigen Bruder Johann Ernst anfangs gemeinsam die Regierung, entschädigte ihn aber im Torgauer Vertrage 1541 mit Geld und der Pflege Coburg. Nach dem für die Evangelischen unheilvollen Schmalkaldischen Kriege kam 1547 die Wittenberger Kapitulation zustande, worin Johann Friedrich seiner Herrscherwürde entsagte, 1552 aber wieder eingesetzt wurde und 1554 in der Naumburger Kapitulation einen großen Teil der früher an die Albertiner verlorenen Gebiete wieder zurückerhielt. Unter seinen drei Söhnen gingen die Wogen wieder hoch; Johann Friedrich der Mittlere kam mit dem wegen seiner Händel berüchtigten fränkischen Ritter Grumbach in unliebsame Freundschaft, weswegen er in die Reichsacht gethan wurde. Nach 28jähriger Gefangenschaft starb er. Immer wieder gab es Verzichtleistungen, Verpfändungen und Teilungen. Eine der wichtigsten Teilungen war die von 1572, in der die Grundgebiete der heutigen Herzogtümer Gotha und Weimar festgelegt wurden; auch bei den reußischen und schwarzburgischen Gebieten wurde damals der Grund zu den heutigen Besitzverhältnissen gelegt. Im Jahre 1638 wurde eine weimarische, eine eisenachische (die aber 1645 an Weimar kam) und eine gothaische Linie gegründet. Die Greuel des dreißigjährigen Krieges sind über Thüringen schwer dahingebraust und haben in vielen Orten neun Zehntel der Bevölkerung dahingerafft.