Während sich der Hodscha in seinem Herzen freute und der süßen Ruhe genoß, sagte die Dame und der Kadi, die, wie wir erzählt haben, voller Schrecken hinuntergelaufen waren: »Es muß ein Geist dasein.« Da sie sich nicht hinaufzugehn getrauten, rief die Dame eine Sklavin und befahl ihr: »Geh hinauf und suche die Kleider des Herrn Kadi.«

Die Sklavin, die sich ebenso fürchtete, ging langsam und mit tausendfacher Vorsicht die Treppe hinauf, die zu dem Saale führte: sie schaute durch die Tür ins Zimmer hinein und sah niemand drinnen; sie öffnete den Bettschrank und die Truhe, ohne etwas zu entdecken, und kam wieder herunter. »Es ist niemand oben,« sagte sie zu der Dame und dem Effendi, »weder ein Teufel, noch ein Geist.«

Noch immer von tausenderlei Vermutungen beunruhigt, stiegen sie hinauf und setzten sich nieder; und der Kadi sagte: »Das war kein gutes Zeichen; verschieben wir unser Vergnügen auf ein andermal. Man bringe mir ungesäumt meine Kleider, daß ich mich anziehe und weggehe.«

Die Dame befahl den Sklavinnen, die Kleider des Kadis zu bringen; aber die, die die Truhe öffnete, fand drinnen weder Kleider, noch Turban. Sie meldete es ihrer Herrin, und die sagte es dem Kadi. Der Kadi versank in Nachdenken; er war völlig verwirrt und konnte sich nicht enträtseln, wie das zugegangen sein mochte: nackt war er ja vom Gerichtshause sicherlich nicht weggegangen. Endlich sagte er: »Was geschehn sollte, Liebste, ist geschehn; was sich erfüllen sollte, ist zur Wirklichkeit geworden.« Dann schrieb er einen Brief an seinen Haushofmeister: »Gib dem Überbringer einen vollständigen Anzug, vom Kopf bis zum Fuß.« Und indem er das Schreiben faltete, schloß und siegelte, bat er die Dame, damit jemand wegzuschicken.

Die Dame ließ den Brief durch ihre Amme befördern. Die ging geradewegs ins Gerichtshaus und übergab ihn dem Stellvertreter des Kadis, dem Najb-Effendi. Er nahm Kenntnis von dem Inhalte und sah, daß der Kadi eine Mütze, einen Turban, Unterhosen und alles übrige haben wollte; er rief den Haushofmeister und teilte ihm alles mit. Dieser ließ sich, dem Briefe gemäß, im Harem einen vollständigen Anzug ausfolgen und übergab den Pack der Amme, und die brachte ihn rasch dem Kadi. Der Kadi kleidete sich an, gürtete sich und band sich den Turban um; als er dann gehn wollte, erinnerte er sich des Maultiers und befahl es ihm vorzuführen. Eine Sklavin lief in den Stall; da sie es aber nicht vorfand, schrien sie: »Effendi, das Maultier ist nicht da.«

Der Kadi war zwar verdutzt über dieses neue Ereignis, nahm aber, ohne noch weiter zu verziehen, von der Dame Abschied; er war so verstört, daß er auf dem ganzen Wege zum Gerichtshause nicht vor und nicht hinter sich sah. Als er dann auf seinem Sitze ausruhte, rief er sich alles, was er tagsüber erlebt hatte, ins Gedächtnis zurück. Bald darauf ging er heim und legte sich, da es Nacht geworden war, schlafen.

Am nächsten Tage verließ er seinen Harem schon in der Morgendämmerung und ging sein Amt als Richter versehn. Nachdem sich einige Freunde, die ihn zu unterhalten gekommen waren, entfernt hatten, wandten sich seine Gedanken, wie er so allein war, wieder den Vorfällen des Abends zu; aber je mehr er nachdachte, desto mehr verwundert war er.

Unterdessen zog der Hodscha Nasreddin die Kleider des Kadis an, wickelte sich dessen Turban um und hüllte sich in dessen Mantel; und in dieser Tracht bestieg er das Maultier des Effendis und begab sich aufs Gericht. Den Dienern des Kadis entging es, als sie ihn ansahen, keineswegs, daß er all die Kleider ihres Herrn trug und auch dessen Maultier ritt; sie liefen auch alsbald zum Kadi, um ihm das zu melden. »Herr,« sagten sie, »Nasreddin-Effendi, der jetzt kommt, hat dich bestohlen; sieh dir nur die Kleider an, die er am Leibe hat, und das Maultier, das er reitet.«

Aber der Kadi sagte: »Gebt acht, was ihr sagt; man darf niemand leichtfertig anklagen.«

Inzwischen stieg der Hodscha ab, band das Maultier unten an der Stiege an, ging hinauf und begrüßte den Kadi. Der gab ihm den Gruß zurück, erhob sich und ließ den Hodscha, um ihm eine Höflichkeit zu erzeigen, den Ehrensitz einnehmen; er bot ihm einen vortrefflichen Kaffee an und überhäufte ihn mit ehrenvollen Aufmerksamkeiten. Schließlich ließ er alle lästigen Zuhörer entfernen und richtete geradeaus an den Hodscha die Frage: »Woher hast du diese Kleider, Hodscha-Effendi, und woher hast du das Maultier?«