EIn Sultan verließ eines Morgens zu guter Stunde seinen Palast; er zog in den Krieg. Auf dem Wege sah er, wie ihm ein Musikant ent gegenkam, der ein Instrument in der Hand hielt; und der hatte einen scheelen und halbstarren Blick. Der Sultan versah sich von dieser Begegnung nichts guten; drum ließ er dem Musikanten vierzig Stockstreiche geben und ihn in den Kerker werfen. Ein Jahr verstrich, und der Sultan kehrte, nachdem er sich zahlreiche Länder unterworfen hatte, als Sieger und ruhmbedeckt in seine Hauptstadt heim. Nun kam ihm der Musikant wieder ins Gedächtnis; er ließ ihn aus dem Kerker holen und sich ihn vorführen.
Der Musikant sagte: »Sieh, Herr, nun bist du als Sieger zurückgekommen. Als ich dir begegnet bin, sah ich im Geiste deine Eroberungen voraus. ›Gott sei gelobt,‹ sagte ich mir, ›daß ich dich sehe,‹ und nahm es als ein gutes Vorzeichen. Unterdessen, siehe, ist es jetzt ein Jahr, daß ich im Kerker bin; wie viel Ungemach und Kümmernis habe ich gelitten! Wer von uns war denn nun eigentlich dem andern ein böser Angang?«
Der Sultan nahm die Rede des Musikanten in gutem auf, überhäufte ihn mit Wohltaten und entließ ihn als zufriedenen Mann.
Es ist, wie man sieht, notwendig, daß sich die Sultane und ihre Minister derer erinnern, die im Kerker schmachten, und sie sofort, wann sie ihnen ins Gedächtnis kommen, vor sich rufen.
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MAn erzählt, daß einmal in Konstantinopel ein Schneider lebte, der eine besondere Geschicklichkeit zeigte, beim Zuschneiden Tuch zu stehlen. Eines Tages waren etliche Meister seines Handwerks bei ihm, als man ihm einen Brokatstoff brachte; um nun zu sehn, wie er es anstelle, etwas verschwinden zu lassen, sagten sie zu ihm: »Schneide nur gleich zu.«
Der durchtriebene Geselle merkte ihre Absicht, ihm eine Falle zu legen, bemerkte aber auch, daß der Stoff sehr prächtig war; und er sprach bei sich selber: »Sollte ich es denn nicht verstehn, mir einen Teil dieses herrlichen Brokats anzueignen?« Indem er dieser Betrachtung nachhing, überzeugte er sich, daß die andern Meister kein Auge von dem Stoffe verwandten. Da ließ er, ohne sich vom Flecke zu rühren, einen Wind. Die andern, die auf dem Diwan saßen, begannen so herzlich zu lachen, daß sie auf den Rücken fielen; und der Schelm ließ, ohne einen Augenblick zu verlieren, ein Stück Stoff verschwinden.
Sie schrien: »Haha, Meister, du bist also nicht nur ein Schneider, sondern auch ein Schalk; jetzt aber soll unsere Aufmerksamkeit nur dem Schneider gehören.«
Er ließ einen zweiten Wind. Wieder begannen sie zu lachen, und ein zweites Stück Stoff ging den Weg des ersten.
Nun sagten sie: »Meister, das Spiel mag noch einmal angehn, dann muß aber Schluß sein; sonst platzen wir noch.«