„Ich bin überzeugt, daß du recht gut spielst, mein lieber Rudi“, tröstete ihn Tante Toni und sah sich nach Lillys Hammer um; allein inzwischen war Otto zu seiner Schwester gegangen und hatte leise aber eindringlich auf sie eingesprochen, und gerade als Tante Toni sich nach dem Hammer bücken wollte, sprang Lilly herbei, erfaßte ihn und rief: „Ich spiel' selbst weiter!“
Tante Toni sah unschlüssig von einem Kinde zum andern. Ihr Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr, daß Lilly Strafe verdient habe und eigentlich vom Spiel ausgeschlossen bleiben müßte – sie wußte ja auch, daß Lilly nur deshalb wieder mitspielen wollte, weil sie und Otto dem kleinen Rudi das Vergnügen mißgönnten. Anderseits konnte sie es aber nicht übers Herz bringen, gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu sein. Sie neigte sich deshalb zum enttäuschten Rudi nieder und erklärte ihm: „Lieber Rudi, wir sehen und wissen beide, daß Otto und Lilly nicht schön handeln, aber sie haben eben keine liebe Mutter, die ihnen täglich und stündlich zur Seite steht, sie ermahnt und belehrt – wir wollen daran denken und Geduld mit ihnen haben, nicht? Aber du sollst nicht zu kurz kommen, und ich verspreche dir, die nächste Krocketpartie mache ich mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden?“
Rudi nickte unter Tränen lächelnd, und Tante Toni gab ihm noch einen herzlichen Kuß, als Otto ungeduldig rief: „Holla, Tante Toni, aufgepaßt, du bist dran!“ Während Tante Toni spielte, stieß Otto den Rudi an und höhnte: „Hä, du spielst doch nicht mit, siehst du's?“
Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte Spott nicht vertragen. Er wurde sehr rot bei Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was Tante Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt an sich. Er streckte seine Hände in die Hosentaschen und drehte Otto den Rücken.
„Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins Kinderzimmer, da gehörst du auch hin. Hier störst du uns ja nur.“
Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte: „Ich bleibe hier und schaue zu.“
„Ich sag' dir aber, daß du fortgehen sollst!“
„Du hast mir nichts zu sagen.“
„Gewiß, denn ich bin älter, größer und stärker als du.“
„Älter, ja; größer nicht viel, aber stärker gar nicht.“