„Meinen innigsten, meinen untertänigsten Dank!“ Und dem kleinen Leo den Kuchen hinhaltend, fügte sie hinzu: „Auf dein Wohl, o großer, berühmter Kaiser, werde ich diesen Kuchen verspeisen.“ Dann streckte sie ihrem sie erstaunt anblickenden Brüderchen die Zunge heraus und biß in den Kuchen.
„Aber pfui, Anna, was gibst du dem Kleinen für ein schlechtes Beispiel!“ rügte die Mutter.
Leomännchen aber hatte schon Tränen in den Augen, und er rief entrüstet: „Böse Anna, unartige Anna!“ worauf diese entgegnete: „Süßes Leomännchen, herziges, zuckeriges Leobübchen, großer Kaiser!“
„Ach, so laß mich doch mal endlich in Ruh, du garstiges Ding!“ Und große Tränen rollten über Leos runde Bäckchen.
„Ach, ein weinender Kaiser!“ Und Anna deutete mit dem Finger nach ihm.
„So, Anna, nun ist's genug; du läßt mir jetzt den Kleinen in Ruh!“ befahl die Mutter in strengem Ton. Sich dann an alle andern wendend fügte sie hinzu: „Ich denke, wir sind fertig und gehen nun hinüber ins Wohnzimmer, damit die Mädchen hier den Tisch abräumen können.“
Kaum hatte Tante Toni sich im Wohnzimmer niedergelassen, da krabbelte Leomännchen auch schon auf ihren Schoß; die andern Kinder lagerten sich um sie herum und riefen: „Bitte, Tante Toni, erzähle uns etwas!“ Und Tante Toni erzählte den aufmerksam horchenden Kindern lustige und ernste Geschichten, bis Tante Luise Helmer erklärte: „Nun ist's genug; Tante Toni ist sicher müde, und für uns ist es nun Zeit, nach Hause zu gehen. Kommt, Mariechen, Philipp und Rudi, macht euch zurecht und verabschiedet euch!“
Später, als Tante Toni mit den Kindern das Abendgebet verrichtet hatte, wollte sie den kleinen Leo zu Bett bringen. Der blieb aber knien und erklärte: „Ich bin noch nicht fertig, ich habe noch etwas zu beten.“ Dann faltete er wieder seine Händchen, und zum Kreuzbilde emporblickend betete er inbrünstig:
„Ach, lieber Gott, ich bitte dich recht sehr, schick' doch den Storch, daß er die Anna wieder fortholt; wir können sie nicht brauchen, sie ist wirklich zu bös. In Ewigkeit. Amen.“ Dann stand er mit befriedigter Miene auf. Anna jedoch machte ein recht verdutztes Gesicht; sie wußte nicht recht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte. Sie sagte aber nichts, sondern schlich sich still hinaus.