„Doch nicht, Tante Toni, ich habe die Ruine sehr gern, und ich habe sie schon oft von hier aus betrachtet und auch in der Nähe.“
„Natürlich, Tante, das müßtest du dir doch denken können! Es ist ja eine Klosterruine – wie könnte Mieze gleichgültig an einer Klosterruine vorbeigehen!“
„Ach, Anna, mußt du schon wieder anfangen!“
Aber Anna ließ sich nicht irremachen, sondern sie fuhr eifrig fort: „Sie hat schon mal geträumt, das Kloster sei wiederhergestellt worden und sie selbst walte darin als Äbtissin. Da man aber keinen Spiegel mit ins Kloster nehmen darf, hat sie sich eine Zelle ausgesucht, von der aus sie sich im See spiegeln kann.“
„O Änne, da müßte der See aber erst gründlich gereinigt werden; denn aus diesem schlammigen Wasser ...“
„Kann ihr höchstens das Bild des Wassermannes entgegengrinsen, das meinst du doch, Tante Toni, nicht wahr? Ja, und dann reckt er die hageren langen Arme aus dem Wasser hervor – er greift nach der schönen Nonne in den wallenden weißen Gewändern – er faßt sie beim Schleier und zieht sie hinunter in die Tiefe!“
„Gräßlich, Änne! Wo hast du das wieder her?“ Und Mariechen schüttelte sich schaudernd.
„Die Nonne mit den wallenden weißen Gewändern, die stammt wohl aus irgendeinem Gedicht. Aber was ist denn das für ein Orden?“
„Nun“, verteidigte sich Anna, „das ist ein Orden, den Mariechen einmal gründen wird. Sie liebt doch die weißen Kleider viel zu sehr, um sich mal in eine schwarze oder braune Kutte zu stecken. Und in ihrem Orden braucht man sich auch nicht die Haare schneiden zu lassen – es wäre doch schade um ihre schönen blonden Locken! Und ihre Nagelfeile und die Bürstchen nimmt sie auch mit.“
Mariechen war ganz rot und verlegen geworden, aber sie mußte doch lachen. Auch Tante Toni lachte, und Mariechen um die Schulter fassend rief sie scherzend: „Nun weiß ich doch, daß Miezchen auch einen kleinen Fehler hat und ein bißchen eitel ist!“