„Nun gut, so sprechen wir von den Mädchen. Nehmen wir zum Beispiel hier unser Mariechen. Inwiefern hat sie es denn besser als du? Sie braucht allerdings kein Latein, kein Griechisch und keine Mathematik zu lernen, trotzdem hat sie reichlich viel Schularbeiten; sie hat ferner ihre Musikstunden, muß täglich Klavier üben; in ihrer freien Zeit muß sie auch oft auf die kleinen Geschwister achtgeben, und ich habe mir sagen lassen, daß sie einem ihrer Brüder schon manchen Knopf angenäht hat, daß sie sogar im lateinischen Wörterbuch schon ziemlich Bescheid weiß, weil sie eben dem betreffenden Herrn Bruder häufig beim Nachschlagen der Wörter hilft.“

Philipp sah beschämt und verlegen drein; aber bald hob er den Kopf und bekannte offen und ehrlich: „Ja, Tante, du hast recht. Aber unsere Mieze ist auch wirklich eine gute Schwester.“

„Und auch eine gute Cousine!“ rief Anna, und die andern stimmten bei, nur Lilly klagte:

„Sie ist nur zu streng, und sie will immer recht haben!“

Die andern schauten Lilly mißbilligend an, und Kurt erklärte in sehr bestimmtem Tone: „Sie hat auch immer recht; dir gegenüber mal ganz gewiß.“

Lilly wurde ganz rot vor Ärger, und schon wollte sie eine recht unartige Antwort geben, da legte sich Ottos Hand auf ihren Mund: „Schnell, Lilly, weg, da kommt die alte Babett!“ flüsterte er, sie mit sich fortziehend; aber es war schon zu spät, denn eben war ein ganz altes, verhutzeltes Weiblein aus dem Walde gehumpelt und blieb gerade vor Otto und Lilly stehen. Es schaute die beiden Kinder aufmerksam an und nickte dabei mit dem wackeligen Kopf; endlich sagte es mit etwas krächzender Stimme: „Ja, ja, ich weiß schon, ihr seid die Kinder vom Herrn Robert, und die annern da, die sind vom Fräule Luische und vom Marieche.“

„Und ich, Babett, wer bin denn ich?“ fragte Tante Toni lächelnd. „Kennen Sie mich noch?“

Die Alte richtete ihre kleinen, rot unterlaufenen, aber noch scharfen Äuglein auf Tante Toni, da hellte sich auf einmal ihr Gesicht auf und sie rief freudig erstaunt: „Ach, du lieber Gott, des is ja des Toniche, des gute Fräule Toniche von's Mehrings drauße aus dem große Garte! Ach, was hab ich Ihne aber schon so lang nit mehr gesehn, und was sind Se für e groß, schön Mädche geworde!“

„Sogar ein ziemlich altes Mädchen bin ich inzwischen geworden“, lachte Tante Toni. „Nun, wie geht's denn, Babett?“

„Na, Toniche – ich will sage Fräule Toniche –, es geht halt so, wie unser Herrgott will. Recht alt bin ich halt schon, und ma werd e bißche däppelich, wenn mer so über achzig Jahr auf seim Buckel mitschleppe muß. Aber e Hex bin ich nit, – nein, Kinnercher, e böse Hex bin ich nit, und ich möcht niemand etwas zuleid tun.“ Dabei schaute sie wieder auf Otto und Lilly hin, und dann fuhr sie halblaut, wie zu sich selbst sprechend, fort: „Es war aber noch eins dabei“, und sie schaute von einem Kind zum andern, bis ihr Blick auf Anna haften blieb, die sich halb hinter Tante Toni versteckt hatte. Tante Toni und die Helmers-Kinder sahen verwundert drein und konnten sich nicht denken, was die Alte eigentlich wollte. Die aber fuhr, zu den Kindern gewendet, fort: