„Ach, Kinnercher, ich hab' eure Eltern ja gekannt, wie se noch ganz klein warn. Und der Robert, was war des für e wilder, aber e guter Bub! Einmal, da is er in seiner Wildheit so grad an mich angerannt, wie ich mit eme Bündel Reisig daherkomme bin, so daß ich mitsamt meim Reisig in de Chausseegrabe neingeborzelt bin. Erst hat er halt lache müsse über mein unfreiwillige Borzelbaum, dann hat aber doch gleich sei gut Herz die Oberhand kriegt, und er hat mer wieder naufgeholfe, und er hat mer auch all mei Reisig wieder schön zusammelese helfe, und zuletzt, weil er halt gar nix anners bei sich gehabt hat, wollt er mer sogar noch sei Klicker schenke! Hähähä!“ – Die Alte schüttelte sich vor Lachen. „Ja, denkt euch, sei Klicker wollt er mer schenke, und weil ich die doch nit habe wollt, da hat er nachher seiner Mutter kei Ruh gelasse, bis se mer en Rock und e warm Halstuch geschenkt hat. Ja, Kinnercher, so e gut Herz hat er gehabt, der Robert – ja, Gott hab' ihn selig!“

„Aber der Robert lebt ja noch!“ rief Tante Toni.

„Ach ja – richtig! Es is ja sei schön jung Frauche die, wo gestorbe is! Ja, ja, däppelich, e bißche däppelich werd mer halt, wenn mer so alt is. Aber bös bin ich nit, und wenn mer mich e alte Hex schimpft, dann tut mer des halt doch gar zu leid.“

Da trat Anna mit sehr rotem Kopf, aber rasch und entschlossen hinter Tante Toni hervor, und der alten Babett die Hand bietend sagte sie: „Verzeih, Babett, es war recht garstig von mir neulich, und ich verspreche dir's, ich werd's nie mehr tun.“

„Ach Gott, du bist halt e Liebes und e Braves!“ rief Babett gerührt aus. „Ich hab' mir ja schon gleich gedacht, daß ihr's nit so bös gemeint habt; aber es tut einem halt doch weh.“ Sie schaute nun auf Otto und Lilly, die hatten aber die Gesichter abgewendet und blieben stumm. Die alte Babett nickte noch ein paarmal mit dem wackeligen Kopf, endlich sagte sie zu den beiden: „Ich will recht für euer tot Mutterche bete.“ Dann sich zu den andern wendend: „Na also, nix für ungut, Kinnercher, und grüß Ihne Gott, Fräule Toniche. Ich bin aber doch so froh, daß ich Ihne noch emol gesehn hab'. Grüß Gott, du allerbrävstes du!“ Die letzten Worte waren an Anna gerichtet, und nun humpelte die Alte, auf ihren Stock gestützt, ihres Weges weiter.

„Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß die alte Babett noch lebt!“ rief Tante Toni aus, während sie im Weitergehen sich nochmals nach dem alten Weiblein umdrehte. „Aber wo mag sie nur herkommen, so weit von der Stadt?“

„Sie kommt gewiß wieder vom Wunderkreuz“, meinte Mariechen; „da pilgert sie hin, so oft es ihre alten Beine erlauben.“

„So ganz allein! Und wenn sie nun einmal nicht mehr heim könnte?“

„Wenn sie zu lang ausbleibt, dann kommt ihr der Christian entgegen.“

„Wie, der Christian, unser früherer Gärtner?“