„Ja, Tante Toni, der wohnt ja bei seiner verheirateten Tochter, und die alte Babett hat ein Zimmerchen im selben Hause. Wenn nun die Babett zum Wunderkreuz wallfahrtet, wie sie es nennt, dann geht ihr später Christian entgegen, und er führt sie nach Haus, und du kannst dir gar nicht denken, wie drollig das ist, wenn die beiden zusammen heimhumpeln; denn der Christian kann nicht viel besser gehen als die Babett, wegen seinem Schematismus.“
„Schematismus?“
„Ach, Tante, so nennt er sein Gliederreißen; er meint halt Rheumatismus.“
„Aber das Allerkomischste ist doch, wenn sie sich unterwegs recht zanken“, mischte sich Kurt ein.
„Wie, sie zanken sich?“
„Ja, und da der Christian ein bißchen taub ist, schreit die Babett ihm ins Ohr, und der Christian spricht auch sehr laut, so daß man sie schon von weitem hört.“
„Aber weshalb streiten sie denn? Ich meine doch, wenn der Christian ihr entgegengeht, um sie nach Hause zu führen, so ist das ein Zeichen, daß sie gut zusammen stehen – sie sind ja nicht einmal verwandt miteinander.“
„Sie zanken sich ja eigentlich auch nicht im Ernst – aber die Babett will zum Beispiel immer den inneren Weg gehen, sie behauptet, hier draußen sei es zu windig; der Christian dagegen will draußen gehen, denn ihm ist es im Wald zu dumpf. Neulich sind wir mal mit Papa hinter ihnen hergegangen, da haben sie sich wieder um den Weg gezankt, bis dann endlich der Christian nachgegeben hat, und sie sind in den Wald eingebogen – er hat aber doch gebrummt: ‚Ich bin nur froh, daß du nicht meine Frau bist, Babett!‘ Da ist die Babett aber bös geworden und hat geschrien: ‚Was denkst du denn von mir, du? Wenn ich deine Frau wär', dann wären wir natürlich draußen gegangen.‘ Da ist aber der Christian ganz verblüfft stehengeblieben und hat gefragt: ‚Du, Babett, was haste gesagt? Meinen Weg wärst du mit mir gegangen, wenn du meine Frau wärst?‘ Und die Babett hat ganz stolz geantwortet: ‚Natürlich; meinst du denn, ich wüßt' nicht, wie es sich zwischen Mann und Frau gehört? Ich kenn' doch meinen Katechismus!‘ Der Christian hat sich hinter den Ohren gekratzt und hat sehr nachdenklich ausgesehen; endlich hat er ihr ins Ohr gerufen: ‚Ja, Babett, du hast schon recht; eigentlich gehört es sich auch so zwischen Mann und Frau – aber in Wirklichkeit ist es nicht immer so.‘ Und dann schrie die Babett ihm wieder ins Ohr: ‚Schrei doch nicht so, Christian; ich bin doch nicht taub, sondern nur du!‘ Da wollte der Christian widersprechen, aber die Babett ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern sie schrie weiter: ‚Bei dir war's freilich nicht so; grad umgekehrt war's bei dir: du hast erst deiner Frau gehorcht, und jetzt folgst du deiner Tochter.‘ Jetzt hat aber der Christian angefangen zu lachen, und er hat ausgerufen: ‚Und noch jemand, ja, da ist noch jemand, dem ich gehorchen muß.‘ Die Babett hat angefangen zu raten: ‚Deiner Tochter ihrem Mann?‘ Da hat der Christian noch ärger gelacht: ‚Nein, der gehorcht selber seiner Frau.‘ Die Babett hat ganz verwundert gefragt: ‚Ja, wem denn sonst noch?‘ Da ist der Christian wieder stehengeblieben und hat gerufen: ‚Ei, dir, Babett, dir muß ich doch auch gehorchen!‘ Da haben sie dann beide gelacht und sind ganz vergnügt zusammen weitergehinkt.“
Tante Toni und alle Kinder lachten auch herzlich über Kurts Erzählung.
Nachdem man nun noch eine halbe Stunde tüchtig marschiert war, kam man endlich oben am Tempelchen an.